Danksagung

„Lebte Minna Faßhauer heute, sie würde mit uns dafür kämpfen, dass alle Menschen ein kulturvolles Leben in Würde führen können, ein Leben, in dem kein Kind mehr verhungern muss. Denn die Werte, die sie erarbeiten, kommen den Menschen auch wieder zugute und werden nicht mehr für Rüstung und anderes Unnützes verschwendet. Minna Faßhauers Ziel war eine Gesellschaft, die weder Rassismus noch andere Diskriminierungen kennt, in der die Gleichheit Aller oberstes Prinzip ist und in der die Menschen ihre Kräfte dafür einsetzen, sich und den kommenden Generationen eine Welt zu bereiten, in der die Ressourcen geschont werden und der Frieden gesichert ist. Eine solidarische Welt.“

–  Heide Janicki

Einstieg

Die Welt um 1900

Als Minna Fasshauer 1875 geboren wurde, lag die Bürgerliche Revolution von 1848/49 gerade 30 Jahre zurück, bewegte die Gedanken der Menschen und veränderte ihren Alltag nachhaltig.

Die Errungenschaften, liberale Regierungen von Berlin bis Wien, Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung in der Paulskirche zu Frankfurt am Main, die Erlaubnis, erstmals Presseerzeugnisse herauszugeben, die Aufhebung der Zensur waren alte Forderungen und neue Erfahrungen für die Arbeiter*innenbewegung.  Die Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit, die Erfahrungen in der betrieblichen Wirklichkeit, das Erkennen der gemeinsamen Lage schaffte Zusammengehörigkeit und bekam grenzüberschreitend Struktur. Forderungen konnten abgestimmt und einheitlich erhoben werden.  Marx und Engels hatten mit dem „Manifest der kommunistischen Partei“ der sich entwickelnden Arbeiter*innenbewegung politisch den Weg gewiesen. Arbeiterzeitungen entstanden.

Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 hatte vielen Familien den Ernährer genommen, verschärfte ihre Armut und veränderte den Alltag der arbeitenden Menschen. Herkömmliche Familienstrukturen zerbrachen an den Erfordernissen industrieller Produktion.

Aus dem Chaos des Krieges und der Not der Bevölkerung war jedoch etwas Neues in die Welt getreten:

In Frankreich – ausgehend von Paris – hatten sich die Arbeiterklasse politisch die Macht erkämpft. „Sich aus dem Elend zu erlösen“ gelang 1871 erstmalig in der Geschichte mit und durch die Pariser Kommune.

Die Frauen der Kommune sind Legende!

„Alle Macht den Räten!“ wurde Leitgedanke nicht nur in Frankreich, sondern auch der Revolutionäre in Russland und der deutschen Arbeiterklasse.

Um den Aufbruch der Frauen in der Mitte des 19. Jahrhunderts  zu verstehen, müssen wir uns die Welt vor Augen halten, in der sie sich durchsetzen mußten, eine Welt, die extrem militaristisch und emanzipationsfeindlich geprägt war. Adel, Klerus und Bürgertum, Konservative und Liberale waren sich bei aller Unterschiedlichkeit der Interessen einig in der Ablehnung von gleichberechtigten Frauen; insbesondere deren Anspruch, politisch ihr Leben selbst zu gestalten. Auch die Arbeiter waren nicht frei davon, hatten aber begonnen, die Welt neu zu denken. Die industrielle Entwicklung und damit die radikale Veränderung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen zwangen dazu.

Die Menschen strömten vom Land in die Stadt und in die Fabriken. Die Zahl der erwerbstätigen Frauen verdoppelte sich 1875-1907 beinahe.

Die maschinelle Entwicklung in den Fabriken schritt rasch voran; sich zu organisieren und Forderungen zur Verbesserung ihrer Lage zu erheben wurde existenziell wichtig: für das Vereins- und Versammlungsgesetz, für das Wahlrecht auch für Frauen, für den Achtstundentag und höhere Löhne, für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen wurde gekämpft, gestritten und gestreikt.

Adel, Klerus und Bürgertum antworteten mit Repressionen, denen Reichskanzler Bismarck als Vertreter der Staatsmacht 1878 mit dem Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ vom 21. Oktober 1878 Rechnung trug:

§ 1

„Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen etc. verordnen …:
Vereine, welche durch sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung bezwecken, sind zu verbieten.
Dasselbe gilt von Vereinen, in welchen sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische auf den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdenden Weise zu Tage treten. …“

Hausdurchsuchung, Verhaftung, Verfolgung, Gefängnis, Exil bestimmte die folgenden Jahre das Leben der Arbeiter*innenschaft und ihrer Familien. Gewerkschafts- und Parteizugehörigkeit war in die Illegalität verwiesen, das hieß in der Praxis: nichts im Haus zu haben, was Verdacht erwecken könnte, Schriftstücke, Briefe zu vernichten, nichts zu verraten, über nichts zu reden, um nicht mit harten Strafen belegt oder ins Gefängnis oder Zuchthaus geworfen zu werden.

Aber auch nach Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 wurden die Arbeiter*innenvereine weiter schikaniert, was ihre Arbeit erschwerte bis behinderte. Die rechtliche Ausgrenzung war zwar aufgehoben, die gesellschaftliche blieb jedoch noch eine lange Zeit, bestimmte ihr Verhältnis zum Staat und den staatlichen Organen und wirkte bis ins private Leben. Im Herzogtum Braunschweig, wo der Polizeiknüppel herrschte, war dies besonders ausgeprägt.

Dies war die Welt, in die Minna Fasshauer hineingeboren wurde und die sie später auch in Braunschweig vorfand. Verhältnisse, die hier weit rückständiger waren als im übrigen  Reich.

Was wir über sie gefunden haben, beschreiben wir auf den folgenden Seiten.  Eine Ausstellung ist geplant.

Dies waren unsere Quellen:
– Stadtarchiv Braunschweig
– Niedersächsisches Landesarchiv Pattensen
– Staatsarchiv Wolfenbüttel
– Archiv der Gedenkstätte Moringen
– Archiv der VVN-BdA Niedersachsen, Hannover
– DKP-Kassette im offenen Archiv der Gedenkstätte Schillstraße Braunschweig
– Walter Maaß, Protokoll über ein Veteranentreffen von Naziverfolgten 1985
– Mündliche Überlieferung der Landtagsabgeordneten Hertha Dürrbeck, festgehalten von ihrem Sohn Peter Dürrbeck, VVN-BdA Niedersachsen
Schriftliche Überlieferungen:
– „Die revolutionäre Arbeiterbewegung Braunschweigs von den Anfängen bis 1919“, aufgeschrieben von einem, der dabei war. Robert Gehrke, Arbeiterrat, Kommunist,  Antifaschist. Hrsg: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Niedersachsen e.V.
„Braunschweigs rote Seiten“, DKP Braunschweig:
– „Waschfrau-Kommunistin-Ministerin, Minna Faßhauer, Volkskommissarin für Volksbildung während der Novemberrevolution im Land Braunschweig 1918/1919“,
– „Die rote Fahne über dem Braunschweiger Schloss, Novemberrevolution 1918-1919 in Braunschweig. Hermann Wallbaum erzählt“,
– „Anna Beddies, Eine Braunschweiger Kommunistin“,
– „Zwischen Revolution und Faschismus – Aus der Geschichte der Braunschweiger Arbeiterbewegung 1918 bis 1933“
(Stand Januar 2021)
Recherche:
Heide Janicki, Paul Pockrandt,
alle Texte (einschl. Begrüßung „Guten Tag“, „Danksagung“, „Einstieg“, „Kapitel 1.-10.“: Heide Janicki©
Literatur:
„1865-1955 – 90 Jahre SPD Braunschweig“, Broschüre „anlässlich des 90jährigen Bestehens der Arbeiterbewegung Braunschweigs – Sonntag, den 11. September 1955, 11 Uhr, im Staatstheater“.
Hans-Ulrich Ludewig: „160 Tage weht die rote Fahne, Die Revolution in Braunschweig 1918/1919“, Verlag Appelhans, Braunschweig 2020.
Reinhard Bein (Herausgeber, Verfasser): „Braunschweiger Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts“ aus der Stadt Braunschweig und den ehemaligen braunschweigischen Landkreisen, Band 4. Ein Projekt des Arbeitskreis Andere Geschichte, Löwendruck Bertram GmbH, Druckerei & Verlag, Seiten 44-51
Frank Ehrhardt: „Minna Faßhauer (1875-1949), Von der Dienstmagd zur Volkskommissarin“ in: Henning Steinführer, Gerd Biegel (Hrsg.): „Die Zeit der Novemberrevolution in Braunschweig und ihre Protagonisten“, Seiten 97-109.  Gesamtherstellung: oeding print GmbH, Braunschweig, Verlag Uwe Krebs, Wendeburg, 2020.
„Waschfrau Kommunistin Ministerin, Minna Faßhauer: Volkskommissarin für Volksbildung und Volkswohlfahrt während der Novemberrevolution im Land Braunschweig 1918/1919“, Braunschweigs rote Seiten, Herausgeber: DKP Region Braunschweig mit Unterstützung des Bezirksvorstandes der DKP Niedersachsen, 2. überarbeitete Auflage, April 2015.
Louise Michel: „Die Pariser Commune“, aus dem Französischen von Veronika Berger, mandelbaum verlag 2020, Druck: Interpress, Budapest
Karl Marx: „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, MEW, Bd. 17, Seite 319 ff., Dietz Verlag Berlin 1979

Kapitel

Minna Faßhauer

1. Biographisches

Minna Nicolai wird am 10. Oktober 1875 in Bleckendorf im Bördekreis Wanzleben geboren. Sie wächst in ärmlichen Verhältnissen auf; ihr Vater stirbt früh, und da die Familie offenbar auf sich gestellt war, werden auch die Kinder früh zur Arbeit herangezogen. Minna muß für sich selbst sorgen. Näheres über die häuslichen Verhältnisse erfahren wir aus ihren…
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Minna Faßhauer

2. Vereins- und Versammlungsrecht für die ...

Das preußische Vereins- und Versammlungsrecht von 1850 entsprach dem preußisch-feudalistischen Herren-Standpunkt. Die bürgerliche Revolution von 1848/49 hatte zwar einige Forderungen der jungen Arbeiter*innenbewegung durchsetzen können, die aber bereits 1850 im Interesse von Adel, Klerus, Großbürgertum (Bourgeoisie) wieder zurückgedreht wurden. Über die Rechte von politischen Vereinen heißt es im § 8: „…gelten …nachstehende Beschränkungen: a) sie…
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Minna Faßhauer

3. Kinderschutz und Kinderfreizeit

Die Fürsorgetätigkeit der Herrschenden… Bereits seit 1901 fanden im Lechlumer Holz Waldspiele statt, an denen bis 1903 zwischen 250 und 400 Kindern teilnahmen. Die Initiative vom Braunschweiger Turninspektor, Professoren, Ärzten, Regierungsassistenten, kurz Persönlichkeiten des gehobenen Braunschweiger Bildungsbürgertums unterstützt. Spenden kamen in erster Linie von der Bank Oppenheimer & Sohn, Dankwardstraße. Milch wurde von der Braunschweiger…
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Minna Faßhauer

4. Schule – Bildung

Einer der kritikwürdigsten Bereiche war für die Braunschweiger Arbeiterbewegung der Bereich Schule. Ihre Kritik war ambivalent: zum einen war die Einbeziehung aller Familienmitglieder in den Erwerbsprozess überlebensnotwendig, zum anderen hatte sie ein elementares Interesse daran, daß ihre Kinder zu aufrechten Sozialisten erzogen werden. Die vorhandene Volksschule leistete das nicht, und das ländliche Leben und die…
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Minna Faßhauer

5. Gewerkschafterin

Volksfreund, Sonnabend, 8. November 1913: „Politische Übersicht Deutschland Gegen die Arbeitslosenversicherung In Hannover hat die Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände folgenden Beschluß gefasst: Die zur Arbeitsnachweiskonferenz in Hannover versammelten Mitglieder der Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände erhebt unter Zustimmung zu den Leitsätzen des Berichterstatters, nach welcher ein Bedürfnis zur Einführung einer Arbeitslosenversicherung und die Voraussetzungen für ihre praktische Durchführbarkeit…
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Minna Faßhauer

6. Vom Bildungsverein zur Frauenversammlung

An Wahlrechtsdemonstrationen und andere Aktionen der SPD, die häufig zu Zusammenstößen mit der Polizei führten, nahmen regelmäßig eine Anzahl Jugendlicher teil, die 1907 die Partei zur Schaffung einer Jugendorganisation in Braunschweig aufforderten. Nach einer Besprechung im gleichen Jahr, an der Dr. Jasper und die Jugendlichen Robert Wiebold, G. Kirchner und Walter Römling teilnahmen wurde von…
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Minna Faßhauer

7.1 Vom Bildungsverein zum Streik

Bildungsverein für jugendliche Arbeiterinnen und Arbeiter Sparzwangstreik Liebknechtstreik Über die Tätigkeit von Minna Faßhauer mit und in den Organisationen der Arbeiterschaft haben wir in den vorhergehenden Berichten schon einiges erfahren. Eine große Rolle spielte der „Bildungsverein jugendlicher Arbeiterinnen und Arbeiter“. Mit den Jugendlichen hatte Minna für das Reichsvereinsgesetz gekämpft, strebte in und mit der Arbeiterschaft…
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Minna Faßhauer

7.2 Der Generalstreik

Die Lebenslage des Volkes, vor allem der werktätigen Bevölkerung, hatte sich mit zunehmender Dauer des Krieges erheblich verschlechtert. Nicht nur, dass die Lebensmittelrationen gesenkt wurden, auch die sozialen Leistungen in den Betrieben wurden eingeschränkt. Der Volksfreund beschreibt die Not der Bevölkerung am 2. November 1915: „Wie hoch die Flut des Unmutes über die Lebensmittelteuerung in…
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Minna Faßhauer

8. Novemberrevolution 1918

Gegen Ende des Jahres 1918 bereitete sich die Arbeiterschaft in Braunschweig auf den fünften Kriegswinter vor. Die Versorgung mit Lebensmitteln, wichtigen Gütern des täglichen Bedarfs und Brennmaterial hatte sich mit jedem Kriegsjahr zusehends verschlechtert. Auch die sozialen Leistungen der Betriebe waren reduziert worden. Der Schwarzhandel blühte. Kohlrübenwinter „Die breite hungernde Masse, die aß weiter nichts…
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Minna Faßhauer

9. Die Reaktion marschiert

Mit dem Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch wurde bereits jener Weg eingeschlagen, der 13 Jahre später zum Ende der Weimarer Republik führte. Er kennzeichnet das Ende der Novemberrevolution, deren Errungenschaften wie Demokratie und Parlamentarismus durch einen geschichtlich einmaligen Generalstreik gerettet wurden. Vergeblich versuchten die neuen Herren mit Demagogie, Lügenmeldungen und vor allem durch die Anwendung brutaler militärischer Gewalt, die…
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Minna Faßhauer

10. Antifaschistin

Von den Faschisten verfolgt Nach dem Prozess 1922 wird es zunächst still um Minna Faßhauer. Es hat den Anschein, als habe sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Nach eigenem Bekunden tritt sie der KPD bei. Als es in der KPD zu Auseinandersetzungen um die Gewerkschaftspolitik kommt, die ihr mit ihren Erfahrungen als Novemberrevolutionärin nicht…
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