5. Gewerkschafterin

Volksfreund, Sonnabend, 8. November 1913:

Politische Übersicht

Deutschland

Gegen die Arbeitslosenversicherung

In Hannover hat die Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände folgenden Beschluß gefasst:

„Die zur Arbeitsnachweiskonferenz in Hannover versammelten Mitglieder der Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände erhebt unter Zustimmung zu den Leitsätzen des Berichterstatters, nach welcher ein Bedürfnis zur Einführung einer Arbeitslosenversicherung und die Voraussetzungen für ihre praktische Durchführbarkeit zu verneinen sind, auf öffentlich-rechtlicher Grundlage und gegen eine Förderung aus Mitteln der Allgemeinheit entschiedenen Widerspruch.

Die Versammlung sieht in der Steigerung der volkswirtschaftlichen Produktionsfähigkeit und damit in der Vermehrung der Arbeitsgelegenheit den wirkungsvollsten Weg zur Einschränkung der Arbeitslosigkeit und ist überzeugt, dass eine Arbeitslosenversicherung auf obiger Grundlage diese Steigerung der Produktivität erheblich erschweren muß.“

Unternehmer und Politik:

Einführung der Arbeitslosenversicherung – einseitige Maßnahme im Interesse der ihnen feindlich gesinnten Kampfgewerkschaften. Man bedauere „aufs lebhafteste“ diese Entwicklung.

Die Position der Unternehmerverbände: Arbeitslosenversicherung gegen den von der Regierung geforderten verbindlichen Arbeitsnachweis. Taktieren und Druck gegen Gewerkschaften aufbauen.

Kommentar im „Volksfreund“:

„Dass diese Burschen um jeden Preis Gegner der Arbeitslosenversicherung sind, ist selbstverständlich. Sie leugnen einfach die Arbeitslosigkeit (…) Aber wer wird mit solchen Leuten logisch diskutieren wollen? Sie protzen einfach auf ihre Macht.“

Die Arbeitslosigkeit sei schließlich von den Unternehmern selbst verschuldet. Soweit der Kommentar des Volksfreund.

Zur Arbeitslosigkeit kam die sich verschlimmernde Lebensmittelknappheit, die Menschen zusätzlich ins Elend stürzte. Der „Apparat“ des Herzogs versuchte mit allen Mitteln alle Formen des beginnenden Widerstandes niederzuhalten.

Minna Faßhauer blieb bei dieser Position nicht stehen. Sie sah das Elend, weil die Menschen auf die Straße gesetzt und in die Arbeitslosigkeit gestürzt wurden. Der Krieg verschlimmerte die Lage. Verankert in den Gewerkschaften ergriff sie die Initiative um dort zu helfen, wo es ihr möglich war, nicht individuell, sondern organisiert.

Beilage zum Volksfreund vom 20. August 1914:

Braunschweiger Nachrichten.

* Die Einrichtung eines zentralen Arbeitsnachweises für das Herzogtum Braunschweig, wie er von der Reichsregierung verlangt wird, wurde am Sonnabendnachmittag im Landtagssaale des Landschaftlichen Gebäudes in einer Versammlung beraten, die im Auftrage der Regierung von Herrn Landsyndikus Klaue einberufen und geleitet wurde. Eingeladen waren die Landwirtschafts-, Handels-, Handwerkskammer, der Innungsausschuß, der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband, der Werkmeisterverein, der Deutsche Technikerverband, die bürgerlichen Frauenvereine, das Gewerkschaftskartell und — der Deutsch-vaterländische Arbeiterverein (!), der sogar mit 2 Mann vertreten war, durch den Reichsverbandssekretär (!) Herrn Brehmer, und durch den Schmied Hahne.

Für den Stadtmagistrat war Herr Stadtrat Wagner erschienen, der den Organisationsplan ausgearbeitet hatte und erläuterte. Der zentrale Arbeitsnachweis muß errichtet werden, wie unsere Leser wissen. Die Reichsregierung verlangt ihn und hat auch dieserhalb mit der Generalkommission der Gewerkschaften eine Aussprache gehabt. Er soll den Arbeitslosen Arbeit vermitteln und wo solche nicht nachgewiesen werden kann, in ständiger Verbindung mit einer Zentrale in Berlin die Arbeitskräfte auf das Reich verteilen helfen. Er soll die freie Beförderung der Arbeitslosen auf der Bahn regeln, wozu wahrscheinlich Beförderungsscheine verausgabt werden. In der hiesigen Zentrale sollen vier Unterabteilungen gebildet werden, je eine für Handel und Industrie, für das Handwerk, die Land- und Forstwirtschaft und für die Haushaltung und sonstige Berufe. Sie soll in dem früher Huchschen Hause, Markthalleneingang am Hagenmarkt, untergebracht werden.

Schon die Zusammensetzung der Versammlung brachte die Eile zum Ausdruck, mit der die Arbeit in Angriff genommen war. Größere Handlungsgehilfenorganisationen und Technikerorganisationen waren zum Beispiel nicht vertreten, den gelben Deutsch-Vaterländischen Arbeiterverein aber, der noch keine 100 Mitglieder zählt, der also als bedeutungslos vollständig hätte ausscheiden müssen, hatte man sogar mit zwei Mann hinzugezogen. Das war wohl eine Folge des ihm leider vollständig fremden Gebietes, das der Herr Landsyndikus mit der Behandlung der Frage betrat. Der zentrale Arbeitsnachweis soll errichtet werden, darüber war man sich allseitig einig.

Nur Herr Kommerzienrat Amme gab eine so dehnbare Erklärung für die Handelskammer ab, dass der Vertreter des Gewerkschaftskartells sich veranlasst sah, ihm offen die Frage vorzulegen, ob der Metallindustriellenverband seinen Arbeitsnachweis in der Zentrale aufgehen lassen wolle oder nicht. Befriedigt hat uns die Erklärung des Herrn Amme durchaus nicht. Denn wenn man etwas ernstlich will, dann auch ohne Verklausulierung.

Der Überwachungsausschuß soll aus 6 Arbeitgebern und 6 Arbeitnehmern, unter dem Vorsitz des Herrn Stadtrat Wagner, bestehen. Die Vertreter der freien Gewerkschaften beanspruchten von den 6 Vertretern der Arbeiter 4, eine gewiß recht bescheidene Forderung, wenn man die Stärke der Organisationen in Betracht zieht.

Aber es setzte erst, so unangenehm es war, ein scharfes Wortgefecht, ehe man den Gewerkschaften das zubilligte. Man wollte absolut einen Vertreter von dem allerschwächsten „Arbeiter“-Verein der Stadt, den Gelben, den Herrn Hahne, in den Ausschuß hinein haben. Die Herren Arbeitgeber, Herr Amme, sowie Herr Eicke von der Handwerkskammer, meinten sogar, bedauerlicherweise, Gewerkschaftlern in ihre ureigensten Angelegenheiten hineinreden zu müssen, als ob die Arbeiter nicht selbst mündig wären.

Sie als Arbeitgeber machten Vorschläge für die Arbeitervertreter, was jedoch von dem Vertreter des Gewerkschaftskartells energisch zurückgewiesen wurde. Selbst Herr Brehmer, der „Vertreter“ der fünf Dutzend „vaterländischen Arbeiter“, brachte eine vollständige Kandidatenliste ein. Es war ihm darum zu tun, das winzigste, und bei der Beratung bedeutungsloseste, überflüssigste Arbeitergrüppchen in den Ausschuß hineinzubringen.

Unsere Genossen müssten keine Ehre im Leibe gehabt haben, wenn sie das zugelassen hätten, so peinlich ihnen selbst die Debatte war, die gar nicht in dem Umfange hätte stattzufinden brauchen, wenn Herr Landsyndikus Klaue etwas besser in den Arbeiterfragen eingeweiht gewesen wäre. Die organisierten Arbeiter sollten wieder einmal, wie auf allen Gebieten, benachteiligt werden, darauf lief der ganze Kampf hinaus, den der Leiter der Verhandlung in seiner Tragweite anscheinend gar nicht richtig erkannt hat.

Herr Klaue hat sicherlich nicht das Unrecht bemerkt, das da wieder einmal an den organisierten Arbeitern verübt werden sollte. Dazu ist er zu wenig mit den Arbeiter- und Organisationsverhältnissen vertraut. Wir können ihm nur raten, die noch nicht 100 deutsch-vaterländischen „Arbeiter“vereinler bei eventuell weiter nötigen Verhandlungen vollständig aus dem Spiele zu lassen. Denn jener Verein wird von keiner anderen Arbeiterorganisation als Arbeitervertretung anerkannt werden.

Setzen wir auch manches aus der Zusammenkunft auf das Konto der Eile, mit der an der Einrichtung des Zentralarbeitsnachweises gearbeitet werden muß, so müssen wir doch verlangen, dass man den Wünschen der organisierten Arbeiter, die in solchen wirtschaftlichen Fragen sachkundig sind, etwas mehr Berücksichtigung, ohne so langen Kampf, entgegenbringt. Der Zurücksetzungsversuche sei es endlich genug, sie dienen dem Ganzen nicht zum Vorteil und – werden auch nicht geduldet werden.

Für den Ausschuß wurden bestimmt:

2 Vertreter des Metallindustriellenverbandes, der auch nicht eingeladen war,

je 1 Vertreter der Landwirtschafts-, der Handels- und der Handwerkskammer und Fräulein Lina Koch von den Frauenvereinen;

von den Arbeitnehmervertretern die Genossin Faßhauer, die Genossen Hammerschmidt, Reinowski und Wesemeier, sowie

Herr Pelka vom Deutschen Technikerverband und

Herr Brettschneider vom Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband.

Die freudige Zustimmung der organisierten Arbeiter zur Schaffung der Arbeitsnachweis-Zentrale ist gegeben worden. Hoffen wir, dass diese neue Wohlfahrtsstelle recht bald eröffnet wird, zum Wohle der gesamten deutschen Volkswirtschaft, für deren möglichstes Gedeihen jetzt alles zusammenzustehen hat.“

Die Mitarbeit Minna Faßhauers im zentralen Arbeitsnachweis geschah vor dem Hintergrund sehr viel weitergehender Forderungen der Arbeiterbewegung:

 

Quelle: Volksfreund, Sonnabend, 7. März 1914, Titelseite

Die fehlende Gewerbeaufsicht

Heute selbstverständlich, aber auch die Gewerbeaufsicht mußte erkämpft werden, wie das folgende Beispiel zeigt, und auch das ging nur organisiert. Aktiv für die Frauen in der Arbeiterschaft und gewerkschaftlich organisiert kann angenommen werden, dass sich Minna Faßhauer hier engagiert hat:

Das zweite Beispiel – zwei Jahre nach der Novemberrevolution, auf die wir noch eingehen werden – spricht für sich.

Braunschweiger Arbeiter-Zeitung vom 7. Dezember 1920, Seite 4:

Arbeitslosen-Versammlung.

„Freitag abend tagte in „Stadt Helmstedt“ eine Versammlung der Arbeitslosen, einberufen von der K.A.P.D. Es waren etwa 50 Arbeitslose erschienen. Der Referent wies darauf hin, dass die Sabotage, die die Unternehmer an der Produktion verüben, die Mürbemachung der Arbeiterschaft bezweckt. Durch Stillegung von Betrieben und Betriebseinschränkungen wollen die Unternehmer den Glauben erwecken, dass ohne Aufhebung des Achtstundentages* die Produktion nicht aufrecht zu erhalten sei. Auch in Braunschweig hat diese Unternehmersabotage eingesetzt.

Die Firma Amme, Giesecke und Konegen arbeitet nur noch an 3 Tagen in der Woche. Man wirft die Arbeiterschaft aufs Pflaster, um ihren Widerstand zu brechen, denn gleichzeitig erhebt man die Forderung der Verlängerung der Arbeitszeit, der Akkordarbeit, der Einschränkung des Streikrechts usw. Wer heute arbeitslos wird, hat die Aussicht, es den ganzen Winter hindurch zu bleiben. Er kann vielleicht Schnee schippen.

Aber dann fehlt ordentliches Schuhwerk usw., und die Folge sind Krankheiten aller Art. Arbeitsmöglichkeiten wären genug da, wenn die Sinnlosigkeit des kapitalistischen Systems ihre Ausführung nicht unmöglich machte. In den Bergwerken von Schöningen könnten noch massenhaft Arbeiter eingestellt werden, aber es sind keine Wohnungen da. Gleichzeitig laufen die Bauarbeiter arbeitslos herum.

Die Arbeiter tragen zerschlissene Kleider. Die Textilarbeiter aber sind ebenfalls arbeitslos. Diese Widersprüche des Kapitalismus, der nur für den Profit, nicht für den Bedarf arbeitet, kann nur der Kommunismus überwinden. Bei der Firma Grimme & Natalis sollen die Arbeiter Überstunden leisten, 9 Stunden arbeiten. Der Referent zweifelt nicht daran, dass die „sozialistische“ Regierung dem stattgeben wird. Nach dem Gesetz kann die Regierung einwilligen, wenn die Arbeiter damit einverstanden sind.

Der Direktor von Grimme & Natalis hat – nachdem die Arbeiterschaft zweimal mit großer Mehrheit die Überschichten abgelehnt hat – einfach erklärt, dann müsse er den Betrieb schließen. In der Diskussion wird die Tatenlosigkeit des Arbeitslosenaus-schusses scharf kritisiert. Auf Vorschlag eines Arbeitslosen beschließt die Versammlung, eine fünfgliedrige Kommission zu wählen, die beim Arbeitslosenausschuß vorstellig wird.

Es soll in den nächsten Tagen eine große Arbeitslosenversammlung stattfinden, die sich endlich einmal über Mittel und Wege zur Linderung der schreienden Not unserer Arbeitslosen klar wird. Wenn Herr Rode sich um das Arbeitslosenelend nicht kümmert, hat er zu verschwinden von seinem Posten. Zu der Freitagversammlung der Arbeitslosen war Herr Rode persönlich eingeladen. Er hat aber erklärt: „Das mag ein schöner Bockmist werden!“ und ist nicht erschienen.

In der weiteren Diskussion geißelt die Genossin Faßhauer den Siedlungsschwindel des Hauptmann Schmude. Wo Millionen von Arbeitslosen herumlungern, schuften diese Siedler bis zum Dunkelwerden nach der Arbeitszeit, um sich ein „eigenes Heim“ zu bauen…Es ist einfach die Verlängerung der Arbeitszeit, die das Kapital zu seiner Existenz gebraucht, die durch den Siedlungsschwindel von hinten herum eingeführt wird.

Gen. Eildermann gab für die K.P.D. die Erklärung ab, dass seine Partei selbstverständlich die weitgehendsten Forderungen der Arbeitslosen unterstütze. Er hätte gewünscht, dass die K.A.P.D. bei der Einberufung der Versammlung mit der K.P.D. Hand in Hand gearbeitet hätte. Im übrigen müssten die Forderungen der Arbeitslosen präziser formuliert werden. Gen. Merges bemerkte, dass das die Aufgabe der nächsten Versammlung sei.“