6. Vom Bildungsverein zur Frauenversammlung

An Wahlrechtsdemonstrationen und andere Aktionen der SPD, die häufig zu Zusammenstößen mit der Polizei führten, nahmen regelmäßig eine Anzahl Jugendlicher teil, die 1907 die Partei zur Schaffung einer Jugendorganisation in Braunschweig aufforderten. Nach einer Besprechung im gleichen Jahr, an der Dr. Jasper und die Jugendlichen Robert Wiebold, G. Kirchner und Walter Römling teilnahmen wurde von Heinrich Jasper ein Statutenentwurf auf der Grundlage des noch geltenden Vereinsgesetzes von 1850 gefertigt. In einer Versammlung mit rund 20 Jugendlichen kam es nach Diskussion zur Gründung des „Bildungsvereins jugendlicher Arbeiter Braunschweig“. In den Vorstand wurden gewählt: Robert Wiebold als 1. Vorsitzender, als Kassierer G. Kirchner und als Beisitzer Walter Römling, Otto Kolbe und Fritz Beuke. So wurde in Braunschweig, wie in anderen Städten, eine selbständige Arbeiterjugendorganisation geschaffen, die auf Initiativen von Karl Liebknecht zurückgingen.

Obwohl den Arbeiterfrauen keinerlei politische Rechte zugestanden wurden, organisierte der Sozialdemokratische Verein Braunschweig eine Frauenversammlung mit dem ersten Tagesordnungspunkt „Freie Aussprache“ im Gewerkschaftshaus. Noch wurde über die Frauen und ihre Rechte gesprochen, konnten sie nicht selbst das Wort ergreifen.

Volksfreund 28. Juni 1908:


Nach Erkämpfen des Reichsvereinsgesetzes von 1908 und den Diskussionen in der 5. Frauenkonferenz der SPD im September 1908 in Nürnberg, wurde der Verein umbenannt in „Bildungsverein jugendlicher Arbeiterinnen und Arbeiter Braunschweig“. Der erste Schritt für die Arbeiterfrauen Braunschweigs in die Öffentlichkeit war getan. Die Handschrift Minnas wird deutlich.

Die Frauen forderten von ihren Organisationen die Einrichtung von Frauenversammlungen, in denen sie selbst öffentlich diskutieren, ihre Lage besprechen und Forderungen formulieren konnten, um sie dann in Partei und Gewerkschaft einzubringen.

Die Bedeutung der Frauenkonferenz 1908 unter der Leitung von Klara Zetkin und Luise Zietz zeigt sich darin, daß die Frauen nicht nur legal, sondern inhaltlich gestärkt aus der ihnen von der Obrigkeit zugewiesenen Bedeutungslosigkeit heraustreten und mit fundierten Argumenten ihre Lage öffentlich vertreten können.

Dem Bürgerrecht der Frau in der Gemeinde galt ein weiterer Antrag der Konferenz, den die Genossinnen einbrachten und begründeten. …und „dass die Genossen in den Kommunalverwaltungen schon jetzt mit allem Nachdruck für die Heranziehung der Frauen zu den öffentlichen Ämtern eintreten sollen.“

Es handelte sich also nicht nur darum, individuell wählen zu können, sondern es ging ganz klar darum, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, besonders der Frauen, zu verbessern. Dazu gehörten die Beseitigung der Mängel, die das Vereins- und Versammlungsrecht aufwies, „Mängel, die im schroffem Widerspruch zu den Interessen und Forderungen der Arbeiterklasse standen“, gemeint war vor allem das Koalitionsrecht sowie Arbeitsschutz und Arbeitszeitverkürzung.

Die Zahl der Teilnehmerinnen in den Bildungsvereinen sei gewachsen, wurde abschließend festgestellt, die sich Kenntnisse und Gewandtheit angeeignet hätten, um nun ihrerseits als Lehrende oder als Diskussionsrednerinnen, als Referentinnen im kleinen Kreis wirken zu können.

Die Aufgaben der Bildungsvereine: „Die Entrechtung der Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahre, (…) verpflichtet die Genossinnen, sich noch mehr als bisher um die Erziehung der proletarischen Jugend zu kümmern. Die Frauen müssen befähigt werden, als Mütter ihre Kinder daheim in sozialistischem Geiste zu erziehen und dadurch dem reaktionären Einfluß der Schule … kräftig entgegenzuwirken.“

Tausenden proletarischen Frauen sei zum Bewußtsein gebracht worden, dass die großen sozialen und politischen Gemeinschaften, Kommune, Staat und Reich verpflichtet sind, fürsorgend für Mutter und Kind einzugreifen, weil die kapitalistische Gesellschaft eine immer größere Zahl von Familien der Mittel beraubt, und ein körperlich und geistig gesunder Nachwuchs der größte gesellschaftliche Reichtum ist.

„Volksfreund vom 5. September 1908“

Die Konferenz schätzt ein: „Die Entwickelung hat es von neuem bestätigt: Es gibt nur ein hüben und drüben, hie Proletariat, hie herrschende Klasse. Nur der Sozialismus kann die Arbeiterschaft von allem geistigen und materiellen Elend erlösen. … wir wollen jedem den größtmöglichen Anteil an der Kultur verschaffen. Werden und werben wir deshalb Sozialistinnen, dann ist unser die Welt.“ (Lebhafter Beifall).

Die proletarische Frauenbewegung marschiert.

Der Volksfreund berichtet am 12. Januar 1910, daß die Zahl der weiblichen Parteimitglieder von 28 000 auf 62 000 gestiegen sei.

„… Die … Verhältnisse und die politischen Maßnahmen machen es … zu einer Lebensfrage …, wie die Frauen und Mädchen des Proletariats für den Klassenkampf zu gewinnen und zu schulen sind. Steht doch die Arbeiterklasse gegen eine Welt von Feinden, deren sie sich aus eigener Kraft erwehren muß. … jede kleinste Aufbesserung des Lohnes, jedes Quentchen Reform, die geringste Erweiterung unserer Rechte im harten, mühsamen Kampfe errungen werden, es gilt gleichfalls, das bereits gewonnene Terrain zu verteidigen und Front zu machen gegen beabsichtigte Verböserungen; … auch auf dem Gebiete der Staatsbürgerrechte, des Arbeiterschutzes, der Arbeiterversicherung, der Steuergesetzgebung u. a. m. …“

Die Frauen trau’n sich was

Die Erste Internationale sozialistische Frauenkonferenz von 1907 in Stuttgart und die Umsetzung der dort gefassten Beschlüsse, in die immer mehr Arbeiterfrauen einbezogen wurden, hatte Wirkung entfaltet. Sie fand ihre Fortsetzung in Kopenhagen:

Vom 26. bis 28. August 1910 tagte dort die II. Internationale sozialistische Frauenkonferenz. Etwa 100 Frauen aus 17 Nationen beschließen auf Vorschlag Clara Zetkins und Käte Dunckers, künftig jedes Jahr einen Frauentag mit internationalem Charakter durchzuführen:

Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. Die Forderung muss in ihrem Zusammenhang mit der ganzen Frauenfrage der sozialistischen Auffassung gemäß beleuchtet werden. Der Frauentag muss einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.“

Zentrale Forderungen über das Wahl- und Stimmrecht für Frauen hinaus waren der Kampf gegen den imperialistischen Krieg, für Arbeitsschutzgesetze, ausreichender Mutter- und Kinderschutz, gleicher Lohn bei gleicher Arbeitsleistung, der Achtstundentag und die Festsetzung von Mindestlöhnen. Der Aufruf wirkte wie eine Initialzündung im Wahlrechtskampf (sh. dort).

Am 19. März 1911 fand der erste Internationale Frauentag in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Das Datum wählten die Frauen in der Arbeiterschaft im Andenken an die März-Kämpfe der bürgerlichen Revolution 1848. Allein in Deutschland nahmen über eine Million Frauen – sie waren weit in der Überzahl – und Männer an Veranstaltungen und Demonstrationen teil, um ihr Recht auf volle politische Mündigkeit einzufordern.

Clara Zetkin schreibt über den Internationalen Frauentag in der „Gleichheit“: „Sein Ziel ist Frauenrecht als Menschenrecht, als Recht der Persönlichkeit, losgelöst von jedem sozialen Besitztitel. (…) Wir müssen Sorge tragen, daß der Frauentag nicht nur eine glänzende Demonstration für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, sondern darüber hinaus der Ausdruck einer Rebellion gegen den Kapitalismus, eine leidenschaftliche Kampfansage all den reaktionären Maßnahmen der Besitzenden und ihrer willfährigen Dienerschaft, der Regierung ist.“

Robert Biehl, der 1898 in Braunschweig geboren wurde und in der sozialistischen Arbeiterjugend aktiv war, beschreibt in seinen Erinnerungen an die erste Versammlung zum Internationalen Frauentag 1913 in Braunschweig:

„Otto Grotewohl fragte, ob uns bekannt sei, dass in wenigen Tagen der 8. März mit einer Kampfkundgebung der Frauen erstmalig in Braunschweig als Internationaler Frauentag begangen werden sollte. …

Die mir gut bekannte Genossin Faßhauer, von der ich wusste, dass sie in engem Kontakt zu Clara Zetkin und Rosa Luxemburg stand, eröffnete die Versammlung im Saal der Hohetorschänke. Ich hockte hinter den Kulissen und durfte als junger Bursche an dieser Frauenkundgebung teilnehmen.“

Währenddessen hielten sich Hunderte von Genossen … auf dem Friedhof Goslarsche Straße auf. Nach Ende der Versammlung verließen sie den Friedhof und mischten sich unter die Frauen. Auf diese Weise entstand ein stattlicher Demonstrationszug, der sich in Richtung Schloß in Bewegung setzte. Die Demonstranten mussten das Zentrum der Stadt passieren, denn es war beabsichtigt, auf dem Bohlweg, einer der Hauptverkehrsstraßen, für die Gleichberechtigung der Frauen zu demonstrieren. Auf dem Hagenmarkt, dem traditionellen Platz der Kundgebungen und Arbeiterdemonstrationen, sollte diese    8.-März-Veranstaltung beendet werden.

Minna Fasshauer hat sich nicht nur theoretisches Wissen angeeignet, sondern dieses Wissen auch konsequent in praktische Arbeit für die Sache der Arbeiterbewegung umgesetzt.

Frauen-Beilage Volksfreund, 7. März 1914:

Sie versprachen den Kampf um ihr Recht mit aller Macht und mit glühender Hingabe weiter zu führen. Die Fragen, die sie sich stellten, waren nicht nur auf sich selbst bezogen, sondern eng verknüpft mit dem Recht, wählen zu dürfen und damit für ihr Leben selbst die Weichen zu stellen:

Krieg

Nachdem Wilhelm II. der Welt den Krieg erklärt hatte, erkannte Minna Faßhauer die Notwendigkeit des Zusammengehens mit bürgerlichen Frauenvereinen, um ein Höchstmaß an Hilfe für die Frauen in der Arbeiterklasse organisieren zu können. Sie nahm an einem Treffen des Verbandes der Frauenvereine für das Herzogtum Braunschweig teil. Der „Volksfreund“ berichtet über einen Artikel in den Braunschweiger Nachrichten:

Der Verband der Frauenvereine für das Herzogtum Braunschweig hielt am Freitag eine Versammlung der Vorstände der ihm angeschlossenen 36 Vereine ab, welcher auch Gäste beiwohnten, u.a. die Herren Landsyndikus Klaue, Stadtrat von Frankenberg als Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, die Herren Stadtschulrat Rehkuh, Geh. Kommerzienrat Schmidt und Dr. Jasper, sowie einige Frauen als Vertreter des freien Gewerkschaftskartells. Alle hatte die als einziger Punkt der Tagesordnung aufgestellte Frage herbeigerufen:

„Auf welchen Gebieten müssen wir Frauen in diesen schweren Zeiten helfend eingreifen?“ Frau Hedwig Götze erklärte, die Frauenvereine haben sich folgenden Aufgaben zu widmen:

1. Der Fürsorge für solche Familien, deren Ernährer im Felde oder durch den Krieg arbeitslos geworden sind.

2. Der Arbeitsvermittlung für erwerbsuchende Frauen und für freiwillige Hilfskräfte.

3. Der Auskunftserteilung an alle Frauen, die in irgendwelchen mit dem Kriege zusammenhängenden Fragen Rat suchen.

Diesen hohen Aufgaben wollen wir uns alle hingeben ohne Unterschied der Partei, des Vereins und der Person, und wollen uns darum zu einer Vereinigung unter dem Namen „Nationaler Frauendienst“ zusammenschließen. Dieses Arbeitsprogramm wurde mit Beifall aufgenommen und auf Vorschlag des Herrn v. Frankenberg kam man überein, der Bezeichnung „Nationaler Frauendienst“ noch hinzuzufügen: „Hilfsausschuß des Roten Kreuzes“.

Nun blieb die nicht ganz leichte Aufgabe, das Verhältnis des Nationalen Frauendienstes zum Vaterländischen Frauenverein und zum Roten Kreuz klarzustellen, schwierig besonders in finanzieller Beziehung. Von allen Seiten und Parteien erkannte man an, wie wünschenswert eine Konzentration, ein Aufgehen aller in gemeinsamer Arbeit zu einem bestimmten Zwecke sei.

… wurden sofort durch Zuruf gewählt:

„Frau Wiermann, Frl. Engelbrecht, Frau Faßhauer, Frau Götze, Frau Hamburger, Frau Hebestreit, Frl. Koch, Frau Kricheldorf, Frl. Lerche, Frau Magnus, Frl. Oden, Frl. Oehlmann, Frau Sprengel, Frau Schürmann, Frau Schmidt, Frau Schultz, Frau Wernicke und Frl. Wolters. Durch die Gründung dieses Ausschusses erübrigte sich eine weitere Aussprache über die Fürsorgetätigkeit.

In der ganzen äußerst anregenden Versammlung berührte es wohltuend, dass jeder unter voller Wahrung des Rechts eigener Meinungsäußerung doch bestrebt war, auch dem Andersdenkenden gerecht zu werden und entgegenzukommen.

Es zeigte sich, dass diese schwere Zeit uns ein Großes gegeben hat: „Den guten Willen, Schulter an Schulter zusammenzuarbeiten zum Wohle unseres schwer geprüften Volkes; und wo ein Wille ist, findet sich stets ein Weg.“ Möge diese gemeinsame Arbeit eine gesegnete sein.

*

Der Arbeitsausschuß vom nationalen Frauendienst (Hilfsverein des Roten Kreuzes) hielt am Sonntagmittag seine erste Sitzung ab. Die Zahl der Mitglieder war inzwischen durch Zuwahl von Frl. Dr. med. Breymann, Frau Boden, Frau Retemeyer und Frau Wolf von 18 auf 22 erhöht worden. Es wurde folgende Gliederung beschlossen:

4. Familienfürsorge, das ausgedehnteste Gebiet, wird 10 Frauen übertragen, u.a.

Frau Faßhauer.

Beide Artikel Volksfreund-Beilage 20.08.1914

Die Frauenbewegung im Jahre 1914

Frauenfriedenskonferenzen finden statt, Beschlüsse werden gefasst mit dem einheitlichen Ziel, dass die Frauen der verschiedensten Länder das Verlangen äußerten, über den Krieg hinweg internationale Beziehungen zu pflegen, daß sie die Weiterarbeit für den Frieden als die wichtigste Aufgabe der Frauen erklärten, und daß sie die Forderung des Frauenwahlrechts gerade damit begründeten, daß die aus dem Wahlrecht resultierende Macht für die Friedenssache verwandt werden solle.

Das war die Maxime für Minna Faßhauer, auch im Frauenbündnis in Braunschweig tätig zu sein und zu bleiben. Noch arbeitet Minna Faßhauer im „Nationalen Frauendienst“ mit, ließ aber keinen Zweifel an ihrem Friedenswillen aufkommen, indem sie sich an die Seite von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg stellte,  und wurde vom Bürgertum abgestraft:

Von dem guten Willen, der bisher in Braunschweig noch zu spüren war, über alle politischen Unterschiede hinaus die Probleme, die im Krieg für die Frauen auch in Braunschweig entstehen, gemeinsam zu lösen, bleibt im Laufe der nächsten Jahre nichts übrig. Die Notwendigkeit, sich für oder gegen den Krieg zu entscheiden, klärt die politischen Standpunkte.

Stadtverordnetensitzung

vom Donnerstag, den 2. März 1916

„…stellt Genosse Genzen zum Fall Götze folgende Anfrage:

Ist dem Magistrat bekannt, dass die Vorsitzende des Nationalen Frauendienstes, Frau Dr. Götze, eine Arbeiterin, die bei dem Frauendienst auf Aufforderung des Vorstandes des Nationalen Frauendienstes viele Monate unter Hintansetzung der Interessen ihrer Familie und unter großen persönlichen Opfern mitgearbeitet hat, aus parteipolitischen Gründen von der ferneren Tätigkeit im öffentlichen Dienst ausgeschlossen hat?“ …

Letzter Punkt der Debatte:

Anfrage Genzen über den Nationalen Frauendienst.“:

„Stadtv. Genzen. … Er schildert, wie Frau Götze der Genossin Faßhauer einen Brief schrieb, in der sie nicht mehr mit ihr zusammenzuarbeiten erklärte, weil sie nicht auf nationalem Boden stehe.

Stadtrat v. Frankenberg … hat erklärt, die Organisation sei selbständig. … Die Behandlung der Genossin Faßhauer erfordert Korrektur durch den Magistrat. Derartige Vorschriften für Teilnehmer am Nationalen Frauendienst sind unzulässig. Wir ersuchen, dass Remedur geschaffen (Beseitigung, Abschaffung von Missständen; Abhilfe) und dass dem Nationalen Frauendienst energisch auf die Finger geklopft wird.

Stadtrat v. Frankenberg: Der Ausschluß der Genossin Faßhauer sei nicht aus parteipolitischen Gründen erfolgt. … Der Standpunkt der Genossin Faßhauer gegen die Bewilligung der Kriegskredite sei eine Störung des Burgfriedens. (!) Das sei nicht parteipolitisch.

Der Magistrat missbilligt das Verfahren des Nationalen Frauendienstes nicht.

Besprechung wird von der Versammlung nicht zugelassen. (!)

Es liegt ein dringlicher Antrag vor, die Stadt möchte sich mit 500 000 M an der 4. Kriegsanleihe vorbereiten. …“

Volksfreund, 3. März 1916, Seiten 2-4

Nochmals die Verleumdung der Genossin Faßhauer

In den bürgerlichen Blättern wird in der letzten Zeit unsere Genossin Faßhauer in ganz niederträchtiger Weise angegriffen. U. a. wird behauptet, sie sei aus dem nationalen Frauendienst wegen Unterschlagung ausgeschlossen worden usw. Der Zweck dieser Verleumdungen ist für jeden objektiv denkenden Menschen klar, man will hiermit unsere zurzeit die Regierung bildenden Genossen in den Augen der Bevölkerung herabsetzen.

Weshalb die Genossin Faßhauer seinerzeit aus dem nationalen Frauendienst ausgeschlossen wurde, mag folgendes Schreiben, an Gen. Genzen als Vorsitzender des Ortsvereins gerichtet, zeigen. Frau Hedwig Götze, wenn wir nicht irren, die Vorsitzende des Nationalen Frauenvereins, schrieb u.a. wörtlich:

„Nachdem wir in den Zeitungen gelesen hatten, dass Frau Faßhauer sich öffentlich an die Seite derjenigen Ihrer Parteigenossen stellt, die ihre Vaterlandsliebe soweit vergessen konnten, dass sie der Reichsregierung die unbedingt zur Rettung des Landes notwendige Geldbewilligung versagten, können wir sie nicht länger als eine geeignete Persönlichkeit ansehen, die in einer Vereinigung mitarbeitet, die sich Nationaler Frauendienst nennt“ usw. In einem zweiten Schreiben vom 6. Februar 1916 heißt es nochmals zum Schlusse:

Wir stehen nur auf einem nationalen Boden, und da Frau Faßhauer sich durch ihre öffentlichen Auslassungen von diesem entfernt hat, haben wir ihre fernere Mitarbeit im Interesse der Sache abgelehnt.“

Aus diesem Schreiben ersehen die Leser, dass Frau Faßhauer aus politischen Motiven vom nationalen Frauendienst ausgeschlossen wurde. Motive, die die Genossin Faßhauer ehren.

Sie hat rechtzeitig die Gefahren des Weltkrieges erkannt, hat sich durch ihre Mitarbeit mit den bürgerlichen Damen von ihrer politischen Überzeugung, wie so manche andere aus dem Arbeiterstande gewählte Bezirksdame, nicht abbringen lassen. Werden diese Blätter, die die niedrigsten Verleumdungen ausgestreut haben, jetzt der Wahrheit die Ehre geben?

Der Ortsvorstand. I.A.: A. Genzen“

Volksfreund-Beilage 17.12.1918, Seite 2

NACHTRAG:

Zur Arbeit des Verbandes deutscher Frauenvereine im Herzogtum Braunschweig

In einem Schreiben vom 30. September 1917 an die Vorsitzende der bürgerlichen Frauenbewegung im Reich, Gertrud Bäumer, äußert sich die Braunschweiger Vorsitzende Frau Dr. Hedwig Götze wie folgt:

In Braunschweig, sie in Person, sei der Verband gegen das Frauenstimmrecht.

„Meine Erfahrungen mit der hiesigen Sozialdemokratie“ veranlasse sie aber, sich nicht offen zu äußern. Sie fürchte Auseinandersetzungen. Sie wäre aber dankbar, wenn im Reich entsprechend Stellung bezogen würde.

Gertrud Bäumer erwidert mit Schreiben vom 24. Oktober 1917 an Hedwig Götze: Sie drücke ihr Befremden aus über das Ansinnen der Frau Götze, äußere darüber hinaus Kritik daran, dass Braunschweig der Gesamtvorstandssitzung ferngeblieben sei.

Sie sehe darin ein „schweigendes Entziehen von Vorstandsbeschlüssen, die nahezu einstimmig pro Frauenstimmrecht“ gefasst worden seien.

Quelle:

Stadtarchiv Braunschweig, G XI Vereine: 12 : 1-3

Landesverband Braunschweigische Frauenvereine