10. Antifaschistin

Von den Faschisten verfolgt

Nach dem Prozess 1922 wird es zunächst still um Minna. Es hat den Anschein, als habe sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Nach eigenem Bekunden tritt sie der KPD bei.

Als es in der KPD zu Auseinandersetzungen um die Gewerkschaftspolitik kommt, die ihr mit ihren Erfahrungen als Novemberrevolutionärin nicht konsequent genug sind, und auch zu Diskussionen, ob die KPD revolutionär genug sei, wendet sich Minna Fasshauer der KAPD zu. Später solidarisiert sich sie sich auch mit der von August Thalheimer gegründeten KPD-O. Thalheimer war Redakteur beim Braunschweiger Volksfreund gewesen. Dokumente darüber gibt es unseres Wissens nicht.

Zwei Jahre vorher im Dezember 1920, schon Mitglied der K.A.P.D., geißelte sie auf einer Arbeitslosenversammlung die ständig längeren Arbeitszeiten, die von Unternehmerseite verlangt würden. In diesem Bericht der Braunschweiger Arbeiter-Zeitung vom 7. Dezember 1920 hieß es u.a.: „Durch Stillegung von Betrieben und Betriebseinschränkungen wollen die Unternehmer den Glauben erwecken, dass ohne Aufhebung des Achtstundentages die Produktion nicht aufrecht zu erhalten sei. Auch in Braunschweig hat diese Unternehmer-sabotage eingesetzt.“ Es ist nur schwer vorstellbar, dass Minna Faßhauer die Hände in den Schoß gelegt hat. Hier stehen wir mit den Recherchen erst am Anfang.

Faschismus

Erst seit 1935 tauchen wieder Akten auf. Minna wird mit August Merges und weiteren 14 Genoss*innen des Hochverrats angeklagt. In der Klageschrift heißt es: „die Beschuldigte Faßhauer war ebenfalls Anhängerin der rätekommunistischen Idee und bildete als alte bewährte Kommunistin eine zuverlässige Stütze der staatsfeindlichen Bestrebungen. Sie erhielt von Schade Drucksachen zur Verteilung. Neue Anhänger der Gruppe wurden ihr vorgestellt.“

Der Chef der Braunschweiger Landespolizei und SS- Führer Jeckeln, sowie die SS- Führer Klagges (Ministerpräsident von Braunschweig) und Alpers (Landesinnenminister) wollten besonders August Merges und Minna Faßhauer verfolgt sehen, weil sie der Räteregierung angehörten. Klagges hat den Prozess nach Braunschweig geholt, um hier ein Tribunal besonders gegen August Merges und Minna Fasshauer zu veranstalten.

Geschäfts-Nr. O Js. 2/35

Minna Faßhauer wird 24. Juni 1935 mit der Nummer 767 im Gefangenenbuch in Untersuchungshaft genommen und dem Anstaltsarzt vorgeführt.

Am 22. August 1935 wird in der Strafsache gegen (…) Minna Faßhauer … wegen Vorbereitung zum Hochverrat Anklage erhoben. Außerdem wird die Fortdauer der Untersuchungshaft der Angeklagten Maaß, Merges, Faßhauer (…) „aus den in den Haftbefehlen angegebenen Gründen beschlossen.“

„Beweise“ für die Anklage: „Alle hatten in Braunschweig und z. T. in Magdeburg seit Juni 1934 für die von ihnen vertretene rätekommunistische Idee durch Erstellung und Verbreitung von Schriften geworben. Es handelte sich um die Schriften „Kampfsignal“, „Der rote Rebell“ und „Deutscher Mann, was nun?“ “

Die angeführten Daten lassen den Rückschluß zu, daß die Angeklagten/daß Minna Faßhauer ein Jahr lang unter Beobachtung gestanden haben muß. Ob sie in dieser Zeit illegal Zeitungen verteilt hat, wird behauptet, aber nicht bewiesen. „Im Zweifel für die Angeklagte“ hat im Faschismus keine Bedeutung. Auszüge aus der Klageschrift s.u.

Am 5. Oktober 1935 wird Minna Faßhauer „auf Anordnung des Leiters der Braunschweigischen Politischen Polizei“ und am 8. Oktober 1935 mit Schutzhaftbefehl „zum Schutz von Volk und Staat“ … in Schutzhaft genommen.“ gez. Jeckeln

Und zur Person:

„2) Die Beschuldigte Minna Faßhauer ist ebenfalls schon vor dem Kriege Anhängerin marxistischer Ideen gewesen. Vor und während des Krieges hat sie für die S.P.D. geworben, sie trat 1917 zur U.S.P.D. und dann zur K.P.D. über. Im November 1918 hatte sie in Braunschweig das Volkskommissariat für Volksbildung. Seit 1917 ist sie Anhängerin der rätekommunistischen Arbeiter-Union.

Friedrich behauptet, auch sie habe eine leitende Stellung in der illegalen Gruppe der Arbeiter-Union gehabt. Schade gibt zu, mit ihr während seiner aktiven illegalen Tätigkeit in Verbindung gestanden zu haben. Er will ihr auch einige der genannten Schriften angeboten haben. Die Beschuldigte Faßhauer behauptet, sie habe sich um Politik nicht mehr gekümmert und habe von dem illegalen Treiben nichts gewusst.“

Geschäfts-Nr. O Js. 2/35 – Auszüge:

Anklageschrift gegen 16 Personen

(…)

(…)

„werden angeklagt, in der Zeit von etwa Juni bis Dezember 1934 in Braunschweig“ (…)

(…)

(…)

„c) die Beschuldigte Faßhauer war ebenfalls Anhängerin der räte-kommunistischen Idee und bildete als alte bewährte Kommunistin eine zuverlässige Stütze der staatsfeindlichen Bestrebungen. Sie erhielt (…) Drucksachen zur Verteilung. Neue Anhänger der Gruppe wurden ihr vorgestellt.“

(…)

Wesentliches Ermittlungsergebnis“

(…)

Akte Moringen, 17. Oktober 1935

(…)

(…)

Der Begleitzettel nimmt auf ein Schreiben von Minna Faßhauer Bezug:

Später zieht sie diesen Brief zurück. Um das zu verstehen, muß man sich Foltermethoden der SS vor Augen halten.

Ob Minna Faßhauer einer Widerstandsgruppe angehört hat, ist nach bisherigem Stand der Recherche nirgends dokumentiert. Natürlich hat sie zu vielen Personen dieser Gruppe Kontakt gehabt, wie sie auch mit vielen Opfern der in Rieseberg ermordeten Kommunisten gut bekannt war.

Minna Faßhauer war 1934 in Braunschweig in Untersuchungshaft genommen worden und dann ins Frauen-KZ Moringen überführt worden. Dort wird sie 1936 schwerkrank entlassen, sie 50 Pfund Gewicht verloren. Zu diesem Zeitpunkt war sie über 60 Jahre alt.

Befreiung vom Faschismus

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges tritt Minna Faßhauer der KPD bei und kandidiert auch zu Kommunalwahlen für die KPD, erringt jedoch keinen Sitz im Stadtparlament.

Sie wird wieder aktiv in der Frauenarbeit auch in der KPD-Landesleitung. Leider gibt es keine schriftlichen Dokumente, aber Genossinnen wie Anna Beddies und Herta Dürrbeck aus Hannover haben dies in persönlichen Gesprächen weitergegeben. Herta Dürrbeck war zeitweise in der Landesleitung der KPD für Frauenarbeit zuständig. Anna Beddies war Abgeordnete im ernannten braunschweigischen Landtag für die KPD.

Am Donnerstag, 28. Juli, starb Minna Faßhauer infolge eines Gehirnschlags im Alter von 74 Jahren während einer Frauenversammlung der KPD. Sie forderte die Frauen und Mütter auf, mitzuhelfen, dass zukünftige Kriege verhindert würden. Internationale Verständigung unter den Völkern zur Erhaltung eines dauerhaften Friedens für die Menschheit waren ihre letzten Worte. Sie starb wie sie gelebt hat – mitten in der politischen Arbeit.

Minna Faßhauer war als Antifaschistin selbstverständlich Mitglied in der VVN. Das geht aus einem Brief an die Entschädigungsbehörde hervor, sowie aus der Danksagung der Familie.

Braunschweiger Zeitung, Sonnabend, 30. Juli 1949:

Plötzlich und unerwartet verschied am Donnerstag, 28. Juli 1949, um 60.30 Uhr, meine liebe Frau, unsere gute Mutter und Schwiegermutter, Frau

Minna Faßhauer

geb. Nicolai

im 74. Lebensjahr. Ihr für uns so früher Tod war nicht zu

letzt die Folge eines Leidens, das sie sich im Konzentrationslager als politischer Häftling zugezogen hatte. In tiefem Schmerz und in tiefer Trauer:

Georg Fasshauer

Otto Fasshauer

Walter Fasshauer

Margarete Fasshauer, geb. Punthöler

Evi Fasshauer

Braunschweig (Hugo-Luther-Straße 13), den 28. Juli 1949.

Die Trauerfeier findet am Montag, dem 1. August, 14 Uhr, im Krematorium statt. Zugedachte Kranzspenden an Firma A. Klapprott, Hagenring 31, erbeten.

Braunschweiger Zeitung, Sonnabend, 30. Juli 1949, Seite 24:

Minna Faßhauer †

Am Donnerstag früh um 6.30 Uhr verstarb im Alter von 74 Jahren Frau Minna Faßhauer, ein Mitglied der ersten Braunschweiger Regierung nach 1918.

Frau Faßhauer stand über 40 Jahre aktiv in der Arbeiterbewegung und hatte wesentlichen Anteil an der November-Revolution in Braunschweig.

(BZ)

Braunschweiger Zeitung, Donnerstag, 4. August 1949:

Danksagung

Hierdurch sagen wir allen unseren herzlichsten Dank, die uns beim Heimgange unserer lieben Entschlafenen

Minna Faßhauer

ihre aufrichtige und herzliche Anteilnahme zuteil werden ließen. Insbesondere danken wir Herrn Arthur Krull für die politische und menschliche Würdigung bei der Trauerfeier.

Herzlichen Dank für die Abschiedsworte von Herrn Robert Gehrke, Frau Dorothee Jörn und der V.V.N. sowie die hilfsbereite Anteilnahme des Frauenaktivs der Kommunistischen Partei.

Ebenso danken wir herzlich dem Landesverband der Kommunistischen Partei Hannover, dem Kreisvorstand der Kommunistischen Partei Braunschweig und dem Bezirksvorstand der Sozialdemokratischen Partei Braunschweig für die Anteilnahme, die sie in ihrem Schreiben zum Ausdruck brachten.

Namens der Hinterbliebenen: Georg Faßhauer

Braunschweig, den 2. August 1949

Verschiedentlich ist behauptet worden, Minna Fasshauer habe den Schritt in die KPD nicht getan. In der Tat existiert unseres Wissens darüber kein Dokument mehr. Nach Aussagen ihres Ehemannes, Georg Fasshauer, ist sie jedoch Mitglied der KPD gewesen. Gesichert ist ihre aktive Mitarbeit in der KPD.

Arthur Krull, KPD, einer der beiden Trauerredner (Abschied oder Urnenbegräbnis):

Minna Faßhauer ist plötzlich und unerwartet von uns geschieden, mitten aus einem rastlosen Leben heraus, welches sie bis zur letzten Minute für die Familie und für den politischen Kampf im Interesse der Befreiung der Arbeiterschaft vom kapitalistischen Joch geopfert hat.

Wir haben uns hier versammelt, um von ihr Abschied zu nehmen.

74 Jahre währte ihr Leben. Es war ein Leben voller Aufopferung, Entbehrungen, Leiden und Opfer für die Familie und die große Sache des Sozialismus, wofür sie über 40 Jahre kämpfte und strebte.

Wir stehen hier an ihrem Sarge und trauern um sie. lhr Ableben bedeutet für Dich, Georg Fasshauer, für Euch, Otto, Walter, Margarete und Evi Fasshauer einen großen Schmerz. Sie hinterlässt für Euch eine große Lücke, die sich nur langsam und schwer schließen wird. Wir müssen uns aber in dieses Schicksal fügen, denn wir können die Natur nicht an ihrem ewigen Werden und Vergehen hindern. lhr habt einen großen Trost. lhr steht nicht allein. Mit Euch trauern die klassenbewussten Arbeiter, die den Verlust, den wir erlitten haben, fühlen.

Was wir verloren haben, ist unermesslich. Sie wirkte vorbildlich in der Familie durch ihr ausgeglichenes Wesen, weil sie eine Frau von höchstem moralischen Wert war. Mit Leidenschaft folgte sie ihrer inneren Verpflichtung und kämpfte über den engen Rahmen der Familie hinaus für die sozialen Probleme ihrer Zeit. Sie war Revolutionär und Rebell.

Jahrzehntelang wirkte sie für diesen Kampf. Nie wurde sie kampfesmüde. Niemals hat sie an sich selbst oder ihre persönlichen Vorteile gedacht. Sie stand bei der Arbeiterschaft, sie kämpfte mit der Arbeiterschaft, und sie litt Not mit der Arbeiterschaft. Sie focht stets in der ersten Reihe und war deshalb allen gegnerischen Angriffen besonders ausgesetzt. 40 Jahre Kampf für die Arbeiterschaft an führender Stelle bedeuten eine ungeheure Arbeitsleistung. Hier am Sarge können wir nur wenige Worte dazu sagen.

In illegalen Zirkeln wirkte sie bereits vor dem Jahre 1908 in Frauenversammlungen. Als im Jahre 1908 das Verbot der politischen Betätigung aufgehoben wurde, war sie führend für die Frauenbewegung und die Partei tätig.

Durch ihre Begeisterung für Freiheit und Frieden, durch ihr rednerisches Talent und ihre übrigen ausgezeichneten Eigenschaften wurde sie bald mit den Besten der Partei bekannt, und da sie keine Halbheiten duldete, schloss sie sich dem linken Flügel der Partei an. Hier gab es ein großes Betätigungsfeld.

Es war die Zeit des Eintrittes des Kapitalismus in den Imperialismus. Die damaligen Zeitgenossen waren vor die Frage gestellt, entweder sozialistischer Aufstieg oder kapitalistischer Völkerkrieg. Durch den Ausbruch des Weltkrieges 1914 kam die Stunde der Entscheidung auch für die Partei. Minna Faßhauer ging nicht mit der Kriegspolitik des Parteivorstandes, mit der Burgfriedenspolitik der Gewerkschaften. Sie wurde noch fester an die Gruppe Karl Liebknecht-Rosa Luxemburg gebunden, und ihr Verhältnis zu ihrem Kampfgefährten August Merges gestaltete sich noch enger und freundschaftlicher. Der Kampf dieser Gruppe bewegte sich auf halblegalem Boden. Ihre Mitglieder trotzten der Gefahr und der Gewalt. Unermüdlich schuf sie einen immer größer werdenden Kreis von Kriegsgegnern.

Die Braunschweiger Gruppe nahm im Frühjahr 1915 mit der in Berlin gegründeten Gruppe

,,lnternationale“ Verbindung auf und trat dem am 1. Januar 1916 gegründeten Spartakusbund bei. Diese Organisation wirkte über ganz Deutschland. Und hier gab es viel Arbeit durch den Vertrieb der Spartakusbriefe, die illegal vertrieben werden mussten. Der Einfluss der Vertrauensmänner in den Betrieben nahm ständig zu und führte zum Sparzwangstreik im Jahre 1916 und zum Liebknechtstreik im Jahre 1917. Dass der Ostern 1917 gegründeten USPD hier in Braunschweig fast alle SPD-Mitglieder zuströmten, war nicht zuletzt auf die intensive Tätigkeit von August Merges, Minna Faßhauer und anderer zurückzuführen. Es war kein leichter Kampf, die Todesstrafe stand darauf.

Durch die Aktivität der Braunschweiger Gruppe brach hier im Anschluss an eine große Versammlung auf dem Leonhardplatz schon am 7 . November 1918, also zwei Tage vor Berlin die Revolution aus. Als es darum ging, die Republik auszurufen fand man nicht die Partei- und Gewerkschaftssekretäre unter jenen Kämpfern, die aktiv ans Werk gingen. August Merges und Minna Faßhauer waren entscheidend mitwirkend an der Schaffung des Freistaates Braunschweig, und sie bestimmten das politische Leben der nächsten Zeit.

Als in der ersten Sitzung in der Fallerslebertorkaserne Wolfenbütteler Genossen einen Redner anforderten, fiel die Wahl auf Minna Faßhauer. Von jetzt ab gab es für sie noch weniger Ruhe. Tag für Tag war sie in den Kreisen und insbesondere den Industrieorten des Freistaates Braunschweig als Referentin unterwegs. In dieser Zeit wurde sie vom Arbeiter- und Soldatenrat zum Regierungsmitglied gewählt.

Auch die Gegenrevolution trat in die Arena des politischen Kampfes und arbeitete mit Terror und Mord. Viele Drohbriefe erhielt Minna Faßhauer in dieser Zeit, und sie war sprachlos über die moralische Verkommenheit des reaktionären Flügels des Bürgertums.

In diesen Wochen wurden die Fragen des neuen politischen Weges akut. lm Dezember 1918/1919 wurde die Kommunistische Partei Deutschlands gegründet. Die wichtigste Frage, die zur Entscheidung stand, war die Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung. Der Parteitag der KPD lehnte mit 62 gegen 23 Stimmen ab. Minna Faßhauer entschied sich damals für den Antiparlamentarismus, da sie die revolutionäre Situation noch nicht für abgeschlossen hielt. Sie blieb bei diesem Standpunkt und half mit, die KAPD zu gründen, die für Antiparlamentarismus und allgemeine Arbeiterunion war. In diesen Organisationen wirkte sie wiederum an führender Stelle vom April 1920 bis 1933. Stets verfocht sie eine konsequente Politik.

Mit Abscheu verurteilte sie die Schaukelpolitik von Sepp Oerter im Kapp-Putsch 1920. Es waren die Jahre der heißesten Kämpfe, die überall aufflammten, besonders in Mitteldeutschland 1921. Diese revolutionären Kämpfe fanden ihr Ende erst mit dem Hamburger Oktoberaufstand 1923. Manche bittere Enttäuschung hat Minna Faßhauer erlebt. Aber ihr Kampfesmut blieb ungebrochen.

Mit dem Zusammenbruch der Kämpfe kamen viele politische Flüchtlinge zur Betreuung in ihr Haus. Sie sorgte für sie auf das Beste. Dies war eine große materielle Belastung für die Familie. Dazu kamen die Polizeischikanen. Des Öfteren musste Minna Faßhauer ins Gefängnis. 1922 für längere Zeit. Doch stets kehrte sie ungebrochen zurück.

Mit 1933 begannen neue Qualen. 1935 wurde sie auf ungefähr ein Jahr ins Gefängnis und Konzentrationslager geworfen. Sie wurde der Herausgabe illegaler Flugblätter beschuldigt. lm KZ hatte sie sich ein Magenleiden zugezogen und 50 Pfd. Körpergewicht verloren. Viel Sorgen hat sich damals die Familie um sie und sie um die Familie gemacht.

Mit brennender Sehnsucht hat sie den Sturz der Naziherrschaft herbeigewünscht. Als er 1945 erfolgte, geschah er nicht in ihrem Sinne, sondern durch den Militärapparat der Alliierten.

Die Voraussetzungen, die 1918 durch das Vorhandensein einer organisierten Kraft mit revolutionärem Elan vorhanden war, fehlten dieses Mal. lhr Kummer darüber war riesengroß.

Damals war sie 70 Jahre alt. lhr Haus lag in Trümmern. Gesundheitlich war sie geschwächt. Aber ungebrochen war sie in ihrem Kampfeswillen. Um nicht abseits zu stehen im politischen Kampf schloss sie sich damals der KPD an. Sie wusste, daß sie trotz ihres Alters immer noch nötig war, und hat in Sitzungen und Versammlungen durch ihre anfeuernden Reden aufmunternd gewirkt.

Da auch der zweite Weltkrieg keine Lösung des Friedensproblems gebracht hat und die Gefahr eines neuen Krieges noch nicht gebannt ist, entschloss sie sich, den Militarismus als Erzfeind ganz gleich in welcher Uniform er auftritt den schärfsten Kampf anzusagen. Das entsprach ihrer sozialistischen Gesinnung.

Hierauf konnte sie sich jedoch nicht beschränken. Für sie galt es, Wege zu finden, um aus dem gegenwärtigen Dilemma herauszukommen. In ihrer 40jährigenTätigkeit hatte sich ihr politischer Blick geschärft, und in engerem Kreise sprach sie gern über ihr Konzept der kommenden Entwicklung. Als Marxist ging sie nicht vom nationalen sondern vom sozialen Problem aus. Nach wie vor herrschte für sie in Westeuropa noch die Klassengesellschaft, die sich über den nationalen Rahmen hinaus zu organisieren versucht. Sie sah die Bildung von Großraumwirtschaften voraus, ebenso aber auch den immerwährenden Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus. Mit Freuden stellte sie fest, daß dadurch der nationalistischen ideologischen Gebundenheit der Arbeiterorganisationen der Boden entzogen wird, und dass auf der größeren Ebene der Großraumwirtschaft der internationale sozialistische Gedanke sich wieder Geltung verschafft.

Sie hatte sich am Geist von Rosa Luxemburg geschult. Sie wusste, daß man den Sozialismus nicht durch Gesetze einführen kann. Sie befürchtete aber auch solche Entwicklung, denn durch die Übernahme der Produktionsmittel durch den Staatsapparat käme nach ihrer Meinung eine neue Schicht ans Ruder, welche durch ihr Verfügungsrecht über die Produktionsmittel auch ein Verfügungsrecht über die Arbeiter erlangte.

Bei dem Gedanken an solches Geschehen wurde ihr unheimlich. Sie, die ihr Leben lang für die Freiheit gekämpft hatte, wollte auch die wirkliche Freiheit. sie war deshalb für die Ausschaltung der privatkapitalistischen und staatskapitalistischen Herrscher und dafür, daß die Arbeiter als Produzenten die Produktionsmittel selbst übernehmen.

Sie wollte weder die Herrschaft dieser noch jener Schicht. Sie sah deshalb auch in dem totalitären Charakter der heutigen Parteien eine große Gefahr, und sie entschied sich in der letzten Zeit immer mehr für das in der sozialistischen Revolution geborene Rätesystem. Für sie war Sozialismus keine Parteiangelegenheit. Darin lag ihre Größe, daß sie über den engen Rahmen der Partei hinausdenken konnte. Und hierin lag auch ihre allgemeine persönliche Anerkennung.

Georg Faßhauer, es war Dir sicherlich eine besondere Freude, als Dir etwa 1944 Dr. Heinrich Jasper* bei einer Begegnung im Rathaus auf die Schulter klopfte und sagte: ,,Alle Achtung vor Ihrer Frau, die sich konsequent und unerschrocken trotz aller Gefahren stets für den Sozialismus eingesetzt hat. Ich bewundere sie und auch ihren politischen Weitblick. In einem Rededuell sagte sie einmal: lhr kriegt noch einmal Schläge von diesen Leuten. Leider ist das eingetroffen. Sie hat Recht behalten.

Minna Faßhauer, Dein Leben ist arbeitsreich, reich an Erkenntnissen aber auch reich an

Enttäuschungen gewesen. Trotzdem hast Du nie verzagt. Als Hitler gestürzt wurde, warst Du 70 Jahre alt. Euer Heim und Haus lang in Trümmern. Mit ungebrochenem Mut warst Du die Triebkraft der Familie und gemeinsam gingt lhr an den Wiederaufbau des Hauses. Georg Faßhauer, Du warst damals schon über 75 Jahre alt. Unermüdlich hast Du von morgens bis abends gearbeitet, und heute steht das Haus mit 12 Wohnungen fast fertig. Ostern hattet lhr die Genugtuung, in Eurem neuerbauten Heim Euer 50jähriges Ehejubiläum im engsten Familienkreise zu feiern. lhr Trauernden, tröstet Euch, die Verschiedene hat ihr Leben über alle Maßen erfüllt. Sagt doch der Dichter schon vor tausenden Jahren ,,unser Leben währet 70 Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“

Der Augenblick des Abschieds ist gekommen. Wir wollen das Gedächtnis an Minna Faßhauer in uns wachhalten, wir wollen sagen, daß ihr Vorbild verbindlich werden soll, denn sie arbeitete und kämpfte für Frieden, Freiheit und Sozialismus.

—————-

* Der Irrtum von Arthur Krull ist evtl. der emotionalen Situation am Grab geschuldet, bzw. es liegt ein Schreibfehler vor:

– 1944 kann nicht stimmen, die Begebenheit kann frühestens 1945 stattgefunden haben.

– Dr. Heinrich Jasper ist 1944 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet worden. Wahrscheinlich handelt es sich um Ernst Böhme (OB 1946-1948), oder Otto Bennemann (OB 1948-1952), die beide mit Minna Faßhauer persönlich bekannt waren.

Minna Fasshauer, Volkskommissarin für Volksbildung und Volkswohlfahrt:

„Trotz meines Alters stehe ich auch heute in vorderster Linie und kämpfe für die Ziele der Arbeiterschaft. – Den Jungen zur Lehr, den Alten zur Wehr!“

Was kann heute der Anlass sein, der Geschichte von Minna Faßhauer nachzuspüren und aufzuschreiben? Warum ist es wichtig, ihr politisches Wirken einer breiteren Öffentlichkeit in Erinnerung zu bringen, bzw. erst bekannt zu machen?

Und warum gerade jetzt?

Wir leben in einer Zeit, in der konservativ-reaktionäre Kräfte vergessen lassen wollen, dass die arbeitenden Menschen historisch in der Lage waren, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Wir erleben, dass Geschichte gefälscht und im Interesse der Herrschenden umgeschrieben werden soll. Es ist wichtig, das Wissen um unsere lebendige Geschichte wach zu halten, bzw. wieder ins Bewusstsein zu heben. Dazu gehört, Minna Faßhauer den ihr gebührenden Platz in der Geschichte zu geben.

Lebte Minna Faßhauer heute, sie würde mit uns dafür kämpfen, dass alle Menschen ein kulturvolles Leben in Würde führen können, ein Leben, in dem kein Kind mehr verhungern muss, denn die Werte, die sie schaffen, kommen den Menschen auch wieder zugute und werden nicht mehr für die Rüstung und anderes verschwendet.. Ihr Ziel war eine Gesellschaft, die weder Rassismus noch andere Diskriminierungen kennt, in der die Gleichheit Aller oberstes Prinzip ist und in der die Menschen ihre Kräfte dafür einsetzen, ihren Kindern eine Welt zu bereiten, in der die Ressourcen geschont werden und die ihnen Sicherheit bietet. Eine solidarische Welt.

Auch mit dem Stolperstein wird eine Frau in Erinnerung bleiben, deren politische Arbeit bis in die Gegenwart wirksam ist und die mit Mut und Gradlinigkeit ihren Weg gegen Faschismus und Krieg – für ein besseres Leben aller Menschen gegangen ist.