Herzlichen Glückwunsch, Minna!

Der DGB-Arbeitskreis „Minna Faßhauer“ hatte am 10.10.2017 zur Geburtstagsfeier eingeladen um den 142. Geburtstag Minna Faßhauers zu feiern. Gleichzeitig nutzte er die Möglichkeit, um über seine bisherigen Tätigkeiten zu berichten und die geplanten weiteren vorzustellen. Weiterlesen


Minna Faßhauer

10. Antifaschistin

Von den Faschisten verfolgt

Nach dem Prozess 1922 wird es zunächst still um Minna Faßhauer. Es hat den Anschein, als habe sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Nach eigenem Bekunden tritt sie der KPD bei.

Als es in der KPD zu Auseinandersetzungen um die Gewerkschaftspolitik kommt, die ihr mit ihren Erfahrungen als Novemberrevolutionärin nicht konsequent ist, und auch ob die KPD revolutionär genug sei, wendet sich Minna Fasshauer der KAPD zu. Später solidarisiert sie sich auch mit der von August Thalheimer gegründeten KPD-O. Thalheimer war Redakteur beim Braunschweiger Volksfreund gewesen. Dokumente darüber gibt es unseres Wissens nicht.

Zwei Jahre vorher im Dezember 1920, schon Mitglied der K.A.P.D., geißelte sie auf einer Arbeitslosenversammlung die ständig längeren Arbeitszeiten, die von Unternehmerseite verlangt würden. In diesem Bericht der Braunschweiger Arbeiter-Zeitung vom 7. Dezember 1920 hieß es u.a.: „Durch Stillegung von Betrieben und Betriebseinschränkungen wollen die Unternehmer den Glauben erwecken, dass ohne Aufhebung des Achtstundentages die Produktion nicht aufrecht zu erhalten sei. Auch in Braunschweig hat diese Unternehmersabotage eingesetzt.“ Es ist nur schwer vorstellbar, dass Minna Faßhauer die Hände in den Schoß gelegt hat. Hier stehen wir mit den Recherchen erst am Anfang.

Faschismus

Erst 1935 tauchen wieder Akten auf. Minna Faßhauer wird mit August Merges und weiteren 14 Genoss*innen des Hochverrats angeklagt. In der Klageschrift heißt es: „die Beschuldigte Faßhauer war ebenfalls Anhängerin der rätekommunistischen Idee und bildete als alte bewährte Kommunistin eine zuverlässige Stütze der staatsfeindlichen Bestrebungen. Sie erhielt von Schade Drucksachen zur Verteilung. Neue Anhänger der Gruppe wurden ihr vorgestellt.“

Der Chef der Braunschweiger Landespolizei und SS- Führer Jeckeln, sowie die SS- Führer Klagges (Ministerpräsident von Braunschweig) und Alpers (Landesinnenminister) wollten besonders August Merges und Minna Faßhauer verfolgt sehen, weil sie der Räteregierung angehörten. Klagges hat den Prozess nach Braunschweig geholt, um hier ein Tribunal besonders gegen August Merges und Minna Fasshauer zu veranstalten.

Geschäfts-Nr. O Js. 2/35

Minna Faßhauer wirdam  24. Juni 1935 mit der Nummer 767 im Gefangenenbuch in Untersuchungshaft genommen und dem Anstaltsarzt vorgeführt.

Am 22. August 1935 wird in der Strafsache gegen (…) Minna Faßhauer … wegen Vorbereitung zum Hochverrat Anklage erhoben. Außerdem wird die Fortdauer der Untersuchungshaft der Angeklagten Maaß, Merges, Faßhauer (…) „aus den in den Haftbefehlen angegebenen Gründen beschlossen.“

„Beweise“ für die Anklage: „Alle hatten in Braunschweig und z. T. in Magdeburg seit Juni 1934 für die von ihnen vertretene rätekommunistische Idee durch Erstellung und Verbreitung von Schriften geworben. Es handelte sich um die Schriften „Kampfsignal“, „Der rote Rebell“ und „Deutscher Mann, was nun?“ “

Die angeführten Daten lassen den Rückschluß zu, daß Minna Faßhauer ein Jahr lang unter Beobachtung gestanden haben muß. Ob sie in dieser Zeit illegal Zeitungen verteilt hat, wird behauptet, aber nicht bewiesen. „Im Zweifel für die Angeklagte“ hat im Faschismus keine Bedeutung. Auszüge aus der Klageschrift s.u.

Am 5. Oktober 1935 wird Minna Faßhauer „auf Anordnung des Leiters der Braunschweigischen Politischen Polizei“ und am 8. Oktober 1935 mit Schutzhaftbefehl „zum Schutz von Volk und Staat“ … in Schutzhaft genommen.“ gez. Jeckeln

Und zur Person:

„2) Die Beschuldigte Minna Faßhauer ist ebenfalls schon vor dem Kriege Anhängerin marxistischer Ideen gewesen. Vor und während des Krieges hat sie für die S.P.D. geworben, sie trat 1917 zur U.S.P.D. und dann zur K.P.D. über. Im November 1918 hatte sie in Braunschweig das Volkskommissariat für Volksbildung. Seit 1917 ist sie Anhängerin der rätekommunistischen Arbeiter-Union.

Friedrich behauptet, auch sie habe eine leitende Stellung in der illegalen Gruppe der Arbeiter-Union gehabt. Schade gibt zu, mit ihr während seiner aktiven illegalen Tätigkeit in Verbindung gestanden zu haben. Er will ihr auch einige der genannten Schriften angeboten haben. Die Beschuldigte Faßhauer behauptet, sie habe sich um Politik nicht mehr gekümmert und habe von dem illegalen Treiben nichts gewusst.“

Geschäfts-Nr. O Js. 2/35 – Auszüge:

Anklageschrift gegen 16 Personen

(…)

(…)

„werden angeklagt, in der Zeit von etwa Juni bis Dezember 1934 in Braunschweig“ (…)

(…)

(…)

„c) die Beschuldigte Faßhauer war ebenfalls Anhängerin der räte-kommunistischen Idee und bildete als alte bewährte Kommunistin eine zuverlässige Stütze der staatsfeindlichen Bestrebungen. Sie erhielt (…) Drucksachen zur Verteilung. Neue Anhänger der Gruppe wurden ihr vorgestellt.“

(…)

Wesentliches Ermittlungsergebnis“

(…)

Akte Moringen, 17. Oktober 1935

(…)

(…)

Der Begleitzettel nimmt auf ein Schreiben von Minna Faßhauer Bezug:

Später zieht sie diesen Brief zurück. Um das zu verstehen, muß man sich Foltermethoden der SS vor Augen halten.

Ob Minna Faßhauer einer Widerstandsgruppe angehört hat, ist nach bisherigem Stand der Recherche nirgends dokumentiert. Natürlich hat sie zu vielen Personen dieser Gruppe Kontakt gehabt, wie sie auch mit vielen Opfern der in Rieseberg ermordeten Kommunisten gut bekannt war.

Minna Faßhauer war 1934 in Braunschweig in Untersuchungshaft genommen worden und dann ins Frauen-KZ Moringen überführt worden. Dort wird sie 1936 schwerkrank entlassen, sie 50 Pfund Gewicht verloren. Zu diesem Zeitpunkt war sie über 60 Jahre alt.

Befreiung vom Faschismus

Nach der Befreiung vom Faschismus durch die Armeen der Alliierten – UdSSR, USA, Großbritannien und Frankreich -, die den Zweiten Weltkrieg beendete, tritt Minna Faßhauer der KPD bei und kandidiert 1946 zu Kommunalwahlen, erringt jedoch keinen Sitz im Stadtparlament.

Sie wird wieder aktiv in der Frauenarbeit auch in der KPD-Landesleitung. Leider gibt es keine schriftlichen Dokumente, aber Genossinnen wie Anna Beddies und Herta Dürrbeck aus Hannover haben dies in persönlichen Gesprächen weitergegeben. Herta Dürrbeck war später Landtagsabgeordnete der KPD und zeitweise in der Landesleitung der KPD für Frauenarbeit zuständig. Anna Beddies war Abgeordnete im ernannten braunschweigischen Landtag für die KPD.

Am Donnerstag, 28. Juli, starb Minna Faßhauer infolge eines Gehirnschlags im Alter von 74 Jahren während einer Frauenversammlung der KPD. Sie forderte die Frauen und Mütter auf, mitzuhelfen, dass zukünftige Kriege verhindert würden. Internationale Verständigung unter den Völkern zur Erhaltung eines dauerhaften Friedens für die Menschheit waren ihre letzten Worte. Sie starb wie sie gelebt hat – mitten in der politischen Arbeit.

Minna Faßhauer war als Antifaschistin selbstverständlich Mitglied in der VVN. Das geht aus einem Brief an die Entschädigungsbehörde hervor, sowie aus der Danksagung der Familie.

Braunschweiger Zeitung, Sonnabend, 30. Juli 1949:

Plötzlich und unerwartet verschied am Donnerstag, 28. Juli 1949, um 60.30 Uhr, meine liebe Frau, unsere gute Mutter und Schwiegermutter, Frau

Minna Faßhauer

geb. Nicolai

im 74. Lebensjahr. Ihr für uns so früher Tod war nicht zu

letzt die Folge eines Leidens, das sie sich im Konzentrationslager als politischer Häftling zugezogen hatte. In tiefem Schmerz und in tiefer Trauer:

Georg Fasshauer

Otto Fasshauer

Walter Fasshauer

Margarete Fasshauer, geb. Punthöler

Evi Fasshauer

Braunschweig (Hugo-Luther-Straße 13), den 28. Juli 1949.

Die Trauerfeier findet am Montag, dem 1. August, 14 Uhr, im Krematorium statt. Zugedachte Kranzspenden an Firma A. Klapprott, Hagenring 31, erbeten.

Braunschweiger Zeitung, Sonnabend, 30. Juli 1949, Seite 24:

Minna Faßhauer †

Am Donnerstag früh um 6.30 Uhr verstarb im Alter von 74 Jahren Frau Minna Faßhauer, ein Mitglied der ersten Braunschweiger Regierung nach 1918.

Frau Faßhauer stand über 40 Jahre aktiv in der Arbeiterbewegung und hatte wesentlichen Anteil an der November-Revolution in Braunschweig.

(BZ)

Braunschweiger Zeitung, Donnerstag, 4. August 1949:

Danksagung

Hierdurch sagen wir allen unseren herzlichsten Dank, die uns beim Heimgange unserer lieben Entschlafenen

Minna Faßhauer

ihre aufrichtige und herzliche Anteilnahme zuteil werden ließen. Insbesondere danken wir Herrn Arthur Krull für die politische und menschliche Würdigung bei der Trauerfeier.

Herzlichen Dank für die Abschiedsworte von Herrn Robert Gehrke, Frau Dorothee Jörn und der V.V.N. sowie die hilfsbereite Anteilnahme des Frauenaktivs der Kommunistischen Partei.

Ebenso danken wir herzlich dem Landesverband der Kommunistischen Partei Hannover, dem Kreisvorstand der Kommunistischen Partei Braunschweig und dem Bezirksvorstand der Sozialdemokratischen Partei Braunschweig für die Anteilnahme, die sie in ihrem Schreiben zum Ausdruck brachten.

Namens der Hinterbliebenen: Georg Faßhauer

Braunschweig, den 2. August 1949

Verschiedentlich ist behauptet worden, Minna Fasshauer habe den Schritt in die KPD nicht getan. Außer den mündlichen Überlieferungen von Zeitzeugen (Grabrede Arthur Krull) gibt es darüber keine Dokumente. Nach Aussagen ihres Ehemannes, Georg Fasshauer, ist sie jedoch Mitglied der KPD gewesen. Gesichert ist ihre aktive Mitarbeit in der KPD.

Arthur Krull, KPD, einer der beiden Trauerredner (Abschied oder Urnenbegräbnis):

Minna Faßhauer ist plötzlich und unerwartet von uns geschieden, mitten aus einem rastlosen Leben heraus, welches sie bis zur letzten Minute für die Familie und für den politischen Kampf im Interesse der Befreiung der Arbeiterschaft vom kapitalistischen Joch geopfert hat.

Wir haben uns hier versammelt, um von ihr Abschied zu nehmen.

74 Jahre währte ihr Leben. Es war ein Leben voller Aufopferung, Entbehrungen, Leiden und Opfer für die Familie und die große Sache des Sozialismus, wofür sie über 40 Jahre kämpfte und strebte.

Wir stehen hier an ihrem Sarge und trauern um sie. lhr Ableben bedeutet für Dich, Georg Fasshauer, für Euch, Otto, Walter, Margarete und Evi Fasshauer einen großen Schmerz. Sie hinterlässt für Euch eine große Lücke, die sich nur langsam und schwer schließen wird. Wir müssen uns aber in dieses Schicksal fügen, denn wir können die Natur nicht an ihrem ewigen Werden und Vergehen hindern. lhr habt einen großen Trost. lhr steht nicht allein. Mit Euch trauern die klassenbewussten Arbeiter, die den Verlust, den wir erlitten haben, fühlen.

Was wir verloren haben, ist unermesslich. Sie wirkte vorbildlich in der Familie durch ihr ausgeglichenes Wesen, weil sie eine Frau von höchstem moralischen Wert war. Mit Leidenschaft folgte sie ihrer inneren Verpflichtung und kämpfte über den engen Rahmen der Familie hinaus für die sozialen Probleme ihrer Zeit. Sie war Revolutionär und Rebell.

Jahrzehntelang wirkte sie für diesen Kampf. Nie wurde sie kampfesmüde. Niemals hat sie an sich selbst oder ihre persönlichen Vorteile gedacht. Sie stand bei der Arbeiterschaft, sie kämpfte mit der Arbeiterschaft, und sie litt Not mit der Arbeiterschaft. Sie focht stets in der ersten Reihe und war deshalb allen gegnerischen Angriffen besonders ausgesetzt. 40 Jahre Kampf für die Arbeiterschaft an führender Stelle bedeuten eine ungeheure Arbeitsleistung. Hier am Sarge können wir nur wenige Worte dazu sagen.

In illegalen Zirkeln wirkte sie bereits vor dem Jahre 1908 in Frauenversammlungen. Als im Jahre 1908 das Verbot der politischen Betätigung aufgehoben wurde, war sie führend für die Frauenbewegung und die Partei tätig.

Durch ihre Begeisterung für Freiheit und Frieden, durch ihr rednerisches Talent und ihre übrigen ausgezeichneten Eigenschaften wurde sie bald mit den Besten der Partei bekannt, und da sie keine Halbheiten duldete, schloss sie sich dem linken Flügel der Partei an. Hier gab es ein großes Betätigungsfeld.

Es war die Zeit des Eintrittes des Kapitalismus in den Imperialismus. Die damaligen Zeitgenossen waren vor die Frage gestellt, entweder sozialistischer Aufstieg oder kapitalistischer Völkerkrieg. Durch den Ausbruch des Weltkrieges 1914 kam die Stunde der Entscheidung auch für die Partei. Minna Faßhauer ging nicht mit der Kriegspolitik des Parteivorstandes, mit der Burgfriedenspolitik der Gewerkschaften. Sie wurde noch fester an die Gruppe Karl Liebknecht-Rosa Luxemburg gebunden, und ihr Verhältnis zu ihrem Kampfgefährten August Merges gestaltete sich noch enger und freundschaftlicher. Der Kampf dieser Gruppe bewegte sich auf halblegalem Boden. Ihre Mitglieder trotzten der Gefahr und der Gewalt. Unermüdlich schuf sie einen immer größer werdenden Kreis von Kriegsgegnern.

Die Braunschweiger Gruppe nahm im Frühjahr 1915 mit der in Berlin gegründeten Gruppe

,,lnternationale“ Verbindung auf und trat dem am 1. Januar 1916 gegründeten Spartakusbund bei. Diese Organisation wirkte über ganz Deutschland. Und hier gab es viel Arbeit durch den Vertrieb der Spartakusbriefe, die illegal vertrieben werden mussten. Der Einfluss der Vertrauensmänner in den Betrieben nahm ständig zu und führte zum Sparzwangstreik im Jahre 1916 und zum Liebknechtstreik im Jahre 1917. Dass der Ostern 1917 gegründeten USPD hier in Braunschweig fast alle SPD-Mitglieder zuströmten, war nicht zuletzt auf die intensive Tätigkeit von August Merges, Minna Faßhauer und anderer zurückzuführen. Es war kein leichter Kampf, die Todesstrafe stand darauf.

Durch die Aktivität der Braunschweiger Gruppe brach hier im Anschluss an eine große Versammlung auf dem Leonhardplatz schon am 7 . November 1918, also zwei Tage vor Berlin die Revolution aus. Als es darum ging, die Republik auszurufen fand man nicht die Partei- und Gewerkschaftssekretäre unter jenen Kämpfern, die aktiv ans Werk gingen. August Merges und Minna Faßhauer waren entscheidend mitwirkend an der Schaffung des Freistaates Braunschweig, und sie bestimmten das politische Leben der nächsten Zeit.

Als in der ersten Sitzung in der Fallerslebertorkaserne Wolfenbütteler Genossen einen Redner anforderten, fiel die Wahl auf Minna Faßhauer. Von jetzt ab gab es für sie noch weniger Ruhe. Tag für Tag war sie in den Kreisen und insbesondere den Industrieorten des Freistaates Braunschweig als Referentin unterwegs. In dieser Zeit wurde sie vom Arbeiter- und Soldatenrat zum Regierungsmitglied gewählt.

Auch die Gegenrevolution trat in die Arena des politischen Kampfes und arbeitete mit Terror und Mord. Viele Drohbriefe erhielt Minna Faßhauer in dieser Zeit, und sie war sprachlos über die moralische Verkommenheit des reaktionären Flügels des Bürgertums.

In diesen Wochen wurden die Fragen des neuen politischen Weges akut. lm Dezember 1918/1919 wurde die Kommunistische Partei Deutschlands gegründet. Die wichtigste Frage, die zur Entscheidung stand, war die Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung. Der Parteitag der KPD lehnte mit 62 gegen 23 Stimmen ab. Minna Faßhauer entschied sich damals für den Antiparlamentarismus, da sie die revolutionäre Situation noch nicht für abgeschlossen hielt. Sie blieb bei diesem Standpunkt und half mit, die KAPD zu gründen, die für Antiparlamentarismus und allgemeine Arbeiterunion war. In diesen Organisationen wirkte sie wiederum an führender Stelle vom April 1920 bis 1933. Stets verfocht sie eine konsequente Politik.

Mit Abscheu verurteilte sie die Schaukelpolitik von Sepp Oerter im Kapp-Putsch 1920. Es waren die Jahre der heißesten Kämpfe, die überall aufflammten, besonders in Mitteldeutschland 1921. Diese revolutionären Kämpfe fanden ihr Ende erst mit dem Hamburger Oktoberaufstand 1923. Manche bittere Enttäuschung hat Minna Faßhauer erlebt. Aber ihr Kampfesmut blieb ungebrochen.

Mit dem Zusammenbruch der Kämpfe kamen viele politische Flüchtlinge zur Betreuung in ihr Haus. Sie sorgte für sie auf das Beste. Dies war eine große materielle Belastung für die Familie. Dazu kamen die Polizeischikanen. Des Öfteren musste Minna Faßhauer ins Gefängnis. 1922 für längere Zeit. Doch stets kehrte sie ungebrochen zurück.

Mit 1933 begannen neue Qualen. 1935 wurde sie auf ungefähr ein Jahr ins Gefängnis und Konzentrationslager geworfen. Sie wurde der Herausgabe illegaler Flugblätter beschuldigt. lm KZ hatte sie sich ein Magenleiden zugezogen und 50 Pfd. Körpergewicht verloren. Viel Sorgen hat sich damals die Familie um sie und sie um die Familie gemacht.

Mit brennender Sehnsucht hat sie den Sturz der Naziherrschaft herbeigewünscht. Als er 1945 erfolgte, geschah er nicht in ihrem Sinne, sondern durch den Militärapparat der Alliierten.

Die Voraussetzungen, die 1918 durch das Vorhandensein einer organisierten Kraft mit revolutionärem Elan vorhanden war, fehlten dieses Mal. lhr Kummer darüber war riesengroß.

Damals war sie 70 Jahre alt. lhr Haus lag in Trümmern. Gesundheitlich war sie geschwächt. Aber ungebrochen war sie in ihrem Kampfeswillen. Um nicht abseits zu stehen im politischen Kampf schloss sie sich damals der KPD an. Sie wusste, daß sie trotz ihres Alters immer noch nötig war, und hat in Sitzungen und Versammlungen durch ihre anfeuernden Reden aufmunternd gewirkt.

Da auch der zweite Weltkrieg keine Lösung des Friedensproblems gebracht hat und die Gefahr eines neuen Krieges noch nicht gebannt ist, entschloss sie sich, den Militarismus als Erzfeind ganz gleich in welcher Uniform er auftritt den schärfsten Kampf anzusagen. Das entsprach ihrer sozialistischen Gesinnung.

Hierauf konnte sie sich jedoch nicht beschränken. Für sie galt es, Wege zu finden, um aus dem gegenwärtigen Dilemma herauszukommen. In ihrer 40jährigenTätigkeit hatte sich ihr politischer Blick geschärft, und in engerem Kreise sprach sie gern über ihr Konzept der kommenden Entwicklung. Als Marxist ging sie nicht vom nationalen sondern vom sozialen Problem aus. Nach wie vor herrschte für sie in Westeuropa noch die Klassengesellschaft, die sich über den nationalen Rahmen hinaus zu organisieren versucht. Sie sah die Bildung von Großraumwirtschaften voraus, ebenso aber auch den immerwährenden Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus. Mit Freuden stellte sie fest, daß dadurch der nationalistischen ideologischen Gebundenheit der Arbeiterorganisationen der Boden entzogen wird, und dass auf der größeren Ebene der Großraumwirtschaft der internationale sozialistische Gedanke sich wieder Geltung verschafft.

Sie hatte sich am Geist von Rosa Luxemburg geschult. Sie wusste, daß man den Sozialismus nicht durch Gesetze einführen kann. Sie befürchtete aber auch solche Entwicklung, denn durch die Übernahme der Produktionsmittel durch den Staatsapparat käme nach ihrer Meinung eine neue Schicht ans Ruder, welche durch ihr Verfügungsrecht über die Produktionsmittel auch ein Verfügungsrecht über die Arbeiter erlangte.

Bei dem Gedanken an solches Geschehen wurde ihr unheimlich. Sie, die ihr Leben lang für die Freiheit gekämpft hatte, wollte auch die wirkliche Freiheit. sie war deshalb für die Ausschaltung der privatkapitalistischen und staatskapitalistischen Herrscher und dafür, daß die Arbeiter als Produzenten die Produktionsmittel selbst übernehmen.

Sie wollte weder die Herrschaft dieser noch jener Schicht. Sie sah deshalb auch in dem totalitären Charakter der heutigen Parteien eine große Gefahr, und sie entschied sich in der letzten Zeit immer mehr für das in der sozialistischen Revolution geborene Rätesystem. Für sie war Sozialismus keine Parteiangelegenheit. Darin lag ihre Größe, daß sie über den engen Rahmen der Partei hinausdenken konnte. Und hierin lag auch ihre allgemeine persönliche Anerkennung.

Georg Faßhauer, es war Dir sicherlich eine besondere Freude, als Dir etwa 1944 Dr. Heinrich Jasper* bei einer Begegnung im Rathaus auf die Schulter klopfte und sagte: ,,Alle Achtung vor Ihrer Frau, die sich konsequent und unerschrocken trotz aller Gefahren stets für den Sozialismus eingesetzt hat. Ich bewundere sie und auch ihren politischen Weitblick. In einem Rededuell sagte sie einmal: lhr kriegt noch einmal Schläge von diesen Leuten. Leider ist das eingetroffen. Sie hat Recht behalten.

Minna Faßhauer, Dein Leben ist arbeitsreich, reich an Erkenntnissen aber auch reich an

Enttäuschungen gewesen. Trotzdem hast Du nie verzagt. Als Hitler gestürzt wurde, warst Du 70 Jahre alt. Euer Heim und Haus lang in Trümmern. Mit ungebrochenem Mut warst Du die Triebkraft der Familie und gemeinsam gingt lhr an den Wiederaufbau des Hauses. Georg Faßhauer, Du warst damals schon über 75 Jahre alt. Unermüdlich hast Du von morgens bis abends gearbeitet, und heute steht das Haus mit 12 Wohnungen fast fertig. Ostern hattet lhr die Genugtuung, in Eurem neuerbauten Heim Euer 50jähriges Ehejubiläum im engsten Familienkreise zu feiern. lhr Trauernden, tröstet Euch, die Verschiedene hat ihr Leben über alle Maßen erfüllt. Sagt doch der Dichter schon vor tausenden Jahren ,,unser Leben währet 70 Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“

Der Augenblick des Abschieds ist gekommen. Wir wollen das Gedächtnis an Minna Faßhauer in uns wachhalten, wir wollen sagen, daß ihr Vorbild verbindlich werden soll, denn sie arbeitete und kämpfte für Frieden, Freiheit und Sozialismus.

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* Der Irrtum von Arthur Krull ist evtl. der emotionalen Situation am Grab geschuldet, bzw. es liegt ein Schreibfehler vor:

– 1944 kann nicht stimmen, die Begebenheit kann frühestens 1945 stattgefunden haben.

– Dr. Heinrich Jasper ist 1944 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet worden. Wahrscheinlich handelt es sich um Ernst Böhme (OB 1946-1948), oder Otto Bennemann (OB 1948-1952), die beide mit Minna Faßhauer persönlich bekannt waren.

Minna Fasshauer, Volkskommissarin für Volksbildung und Volkswohlfahrt:

„Trotz meines Alters stehe ich auch heute in vorderster Linie und kämpfe für die Ziele der Arbeiterschaft. – Den Jungen zur Lehr, den Alten zur Wehr!“

***

Was kann heute der Anlass sein, der Geschichte von Minna Faßhauer nachzuspüren und aufzuschreiben? Warum ist es wichtig, ihr politisches Wirken einer breiteren Öffentlichkeit in Erinnerung zu bringen, bzw. erst bekannt zu machen?

Und warum gerade jetzt?

Wir leben in einer Zeit, in der konservativ-reaktionäre Kräfte vergessen lassen wollen, dass die arbeitenden Menschen historisch in der Lage waren, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Wir erleben, dass Geschichte gefälscht und im Interesse der Herrschenden umgeschrieben werden soll. Es ist wichtig, das Wissen um unsere lebendige Geschichte wach zu halten, bzw. wieder ins Bewusstsein zu heben. Dazu gehört, Minna Faßhauer den ihr gebührenden Platz in der Geschichte zu geben.

Auch durch diesen Stolperstein wird eine Frau in Erinnerung bleiben, deren politische Arbeit bis in die Gegenwart wirksam ist und die mit Mut und Gradlinigkeit ihren Weg gegen Faschismus und Krieg – für ein besseres Leben aller Menschen gegangen ist.


Minna Faßhauer

9. Die Reaktion marschiert

Mit dem Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch wurde bereits jener Weg eingeschlagen, der 13 Jahre später zum Ende der Weimarer Republik führte. Er kennzeichnet das Ende der Novemberrevolution, deren Errungenschaften wie Demokratie und Parlamentarismus durch einen geschichtlich einmaligen Generalstreik gerettet wurden.
Vergeblich versuchten die neuen Herren mit Demagogie, Lügenmeldungen und vor allem durch die Anwendung brutaler militärischer Gewalt, die Hunderte Tote und Verletzte forderte, ihre Position zu festigen. Selbst mit der von Kapp am 15. März erlassenen Verordnung, die über »Rädelsführer« und Streikposten die Todesstrafe verhängte, war die Kampffront der werktätigen Massen nicht aufzubrechen. Am 17. März mußten Kapp und Lüttwitz abtreten.
Das war die Situation, in der Minna Faßhauer in den 20er Jahren in Braunschweig politisch tätig war.

Der Kapp-Putsch in Braunschweig

Mit Beginn des Jahres 1920 verstärkten die Kapp-Anhänger auch in Braunschweig ihre Aktivitäten. Im Januar kommt es in Hannover zu einer Besprechung, zu der auch Heinrich Jasper, damals Staatsminister, eingeladen ist. Unter massivem Druck der Militärs stimmt er zu, dass wesentliche demokratische Rechte außer Kraft gesetzt werden:

  • Am 28. Januar 1920 wird im Freistaat Braunschweig der Ausnahmezustand verkündet.
  • Am 2. Februar werden alle Versammlungen, Kundgebungen u.ä., auf öffentlichen Straßen
    und Plätzen verboten.
  • Mit Wirkung vom 2. Februar 1920 wird das Erscheinen neuer Zeitungen und Flugblätter
    verboten.
  • Am 14. Februar wird in Braunschweig die vollständige Überwachung des Post-, Telefon und
    Telegrammverkehrs verfügt.
  • Anfang März wird der noch bestehende Landesarbeiterrat aufgelöst und seine weitere
    Tätigkeit unterbunden.

Generalstreik 1920 auch in Braunschweig
Aufruf zum Generalstreik des ADGB:

Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) ruft am 13. März 1920 zum Generalstreik auf:
An alle Arbeiter, Angestellte und Beamte! Männer und Frauen!
Die deutsche Republik ist in Gefahr! Der gesamte Arbeiterschutz ist bedroht!
Für den Inhalt verantwortlich:
C. Legien – F. Aufhäußer.

Aufruf aller Arbeiterparteien Braunschweigs zum Generalstreik:
14. März 1920
An die revolutionäre Arbeiterschaft!
Männer und Frauen des arbeitenden
Volkes!
Der Putsch der Offiziere und Monarchisten ist Wirklichkeit geworden.
Die bisherige Regierung ist beseitigt.
General Lüttwitz, der Würger der Arbeiterbewegung,
ist der militärische Diktator Deutschlands.
Männer und Frauen, es gilt den Kampf um die Freiheit,
gilt den Kampf für den revolutionären Sozialismus!
Gegen die Militärdiktatur!
Gegen den weißen Schrecken!
Gegen die Wiederherstellung der Monarchie!
Tretet in geschlossener und einiger Kampffront in den Generalstreik !
Vereinigt Euch zur Verteidigung Eurer Rechte !
Nieder mit der Militärdiktatur !
Nieder mit der Reaktion der Offiziere und Monarchisten !
Morgen, Montag, vormittags 10 Uhr, im Konzerthaus:
Öffentliche Versammlung. Keiner darf in den Betrieb gehen!

Wir gehen davon aus, daß Minna Faßhauer an den Kämpfen beteiligt war, um die Errungenschaften der Novemberrevolution zu sichern und die Republik vor dem Zugriff der Putschisten zu schützen. Außerdem ist der Aufruf gemeinsam von allen Arbeiterparteien verfaßt worden, also auch von der KAPD, zu der sie gewechselt war.

Die Freiheit
Organ der Unabhängigen sozialdemokr. Partei des Freistaates Braunschweig

„Heraus mit den politischen Gefangenen!
Die Reaktion ist nicht tot! Was jedem Einsichtigen schon längst klar war, ist eingetroffen: Die
Reaktion hat ihr Haupt erhoben. Im verblendeten Kampfe gegen links hatte man alle reaktionären Mächte gestärkt, bis sie sich stark genug glaubten, die niederzuringen, welche sie großgezogen haben. …“
„In Braunschweig hat sich das werktätige Braunschweiger Volk in einer gewaltigen Versammlung schon am Sonnabend, den 14. März 1920 zusammengefunden, um in Tatbereitschaft zu stehen gegen die Reaktion. Diese Versammlung bewirkt, dass die reaktionären Elemente Braunschweigs sich duckten und keinen Versuch machten, sich zur Kapp-Regierung zu stellen.“ …
„Die Reaktion ist nicht tot. Sie ist lebendig. Geduckt ein wenig. Aber sprungbereit! Denn die Reaktion lebt, solange der Kapitalismus lebt! Der Kapitalismus ist der Nährvater der Reaktion. Über die Abwehr eines plötzlichen Anspringens der Reaktion hinaus muß die Arbeiterschaft weiter den Kampf führen gegen den Kapitalismus, die Quelle der Reaktion. Wenn sich dessen die Arbeiter bewusst werden, dann werden sie, über alles hinwegsehend zusammenstehen zum Endkampf. …
Erreicht ist eine Abwehr der reaktionären Offizierskaste, die sich Deutschland zur Beute ausersehen hatte. Der Kapitalismus, der wie ein Vampyr am Mark des Volkes saugt, lebt und speist die Reaktion mit der vom Volk erpressten Beute. Ihm gilt‘s! Vom Kampfe zum Kampf – das muß die Parole des sozialistischen Proletariats sein!“

Kein zurück!
Die Arbeiterschaft beschloß in Massenversammlungen einmütig, den Streik nicht abzubrechen, bevor nicht sämtliche politischen Gefangenen freigegeben sind und bevor nicht der Zentralvorstand, der zum Generalstreik aufgefordert hat, eine neue Parole ausgibt.

Obwohl der Putsch mit einem Generalstreik niedergeschlagen wurde, muß sich die Arbeiterschaft gegen Provokationen, Übergriffe, Handgreiflichkeiten vom Stahlhelm und zwei weiteren militaristischen Verbänden wehren. Auch deren erklärtes Ziel ist die Zerschlagung der Arbeiter-Organisationen und der Erfolge der Novemberrevolution.

Angesichts der politischen Lage waren die Angriffe auf die Arbeiterschaft für Minna Faßhauer nicht beendet und sie widersetzt sich 1921 dem Entwaffnungsgesetz. Sie wird wegen dieses Vergehens verurteilt, aber später amnestiert. In den folgenden Jahren war die Arbeiterklasse gezwungen sich auch gegen willkürliche Verhaftungen und konstruierte Anklagen zu wehren. Ein Beispiel dafür war der Ingenieur Kurt Seyferth. Seine Frau schreibt ihm ins Gefängnis (Auszug):

„Mein lieber Kurt!
Hast meinen Brief gefunden, wo ich‘s Dir mitteilte, dass Noske während meiner Abwesenheit
Hausdurchsuchung gemacht haben, nach was weiß ich nicht, die schriftlichen Sachen haben
sie auch durchgesehen, da sind doch keine Handgranaten drinn. …Den Nachmittag ging ich
in Versammlungen. … Dann sprechen noch mehrere, Genossin Fassauer sprach auch.
Man muß Stimmung gegen sie gemacht haben. Oerter, Eckardt u.s.w., aber sie hat sich fein
durchgesetzt, man könnte fast sagen eine zweite Rosa Luxemburg was Energie und Tatkraft
anbelangt.“

Bereits Anfang Januar 1921 zeichnet sich ab, dass die politische Hexenjagd begonnen hat.

Niedersächsische Arbeiter-Zeitung vom 7. Januar 1921:

Was geht in Braunschweig vor?
Seit einigen Tage durchschwirren dunkle Gerüchte die Stadt Braunschweig. Man sprach von
Verhaftungen usw. … Es sind bisher vier bis fünf Genossen der K.A.P. verhaftet worden, die man mit dem Postraub am Hagenring in Verbindung zu bringen versucht. Uns scheint diese Postraubgeschichte nur ein Vorwand zu sein, zumal bei verschiedenen Genossinnen … Haussuchungen abgehalten worden sind. Hinzu kommt noch, dass die Wohnung der Genossin Faßhauer stark bespitzelt wird und besonders in den letzten Tagen.

Daher sind wir der Auffassung, dass allerorten die Spitzel wieder eifrig am Werke sind, um die Arbeiter zu Torheiten zu verleiten. … Das Proletariat muß Obacht geben, damit es nicht einmal solchen Lumpen in die Finger fällt, zum anderen, dass diesen Kerlen das Handwerk gründlich gelegt wird. … Der Arbeiter hat wahrlich seine Fäuste nicht nur zum Profitschanzen, sondern damit er sich auch seiner Feinde erwehren kann.

Am 12. Januar 1921 berichtet die Niedersächsische Arbeiter-Zeitung auf Seite 2:

Kampfstimmung lag über der öffentlichen Volksversammlung im Konzerthaus, die die V.K.P.D. zu Montag einberufen hatte. Etwa 2000 Arbeiter und Arbeiterinnen waren erschienen, um zu demonstrieren gegen die schamlosen Provokationen der weißen Terroristen, …, die Amnestierung des ehemaligen Oberleutnants v. Vogel, eines der Mörder Rosa Luxemburgs,  das Blutbad von Flensburg, die ungeheuer gesteigerte Spitzeltätigkeit usw. – all das sind beredte Zeichen der Zeit.

Genosse Schmidt streifte dann die Braunschweiger Vorgänge „… und die Bespitzelung der Genossin Faßhauer …, all das macht es notwendig, dass das Braunschweiger Proletariat auf der Hut ist. Uns werden keine Hindernisse schrecken, wir werden kämpfen bis die Weltrevolution gesiegt hat.“ (Lebhafter Beifall.) …

Genossin Faßhauer erklärt, man habe bei ihr gehaussucht. Man habe ihr gesagt, es sei ein Spitzel aus Süddeutschland da, und damit dieser ruhig arbeiten könne, müsse sie auf einige Tage festgesetzt werden. Sie machte im voraus darauf aufmerksam, dass sie bei einer evtl.  Verhaftung keinen Fluchtversuch machen werde. Sie rechne auf die Solidarität des revolutionären Proletariats. (Zustimmung.)
In seinem Schlusswort betont Genosse Schmidt nochmals, dass wir, wie im übrigen Deutschland, auch in Braunschweig vor Provokationen stehen, und dass das Proletariat sich durch einen Selbstschutz sichern müsse. …

Im Juni beginnen dann die Vorkommnisse, die bis heute den fortschrittlichen Kräften der Novemberrevolution zur Last gelegt werden: verschiedene Dynamit-Anschläge:

Braunschweiger Allgemeiner Anzeiger
Donnerstag, 30. Juni 1921, Seite 2
Verbrecherischer Dynamit-Anschlag. Teilzerstörung des Tennishauses im Bürgerpark
Am Mittwoch abend gegen 11 Uhr wurde die Ostseite des Tennishauses im Bürgerpark durch einen Bombenanschlag vollständig zertrümmert. Das als Umkleideraum für Damen benutzte Zimmer, … gleicht einem Schutthaufen. …Die Explosion muß an der Tür des Umkleideraumes erfolgt sein. Menschenleben sind glücklicherweise nicht zu beklagen. …

Braunschweiger Allgemeiner Anzeiger
Mittwoch, 13. Juli 1921, Seite 2:
Stadt Braunschweig
Neue Dynamitanschläge in Braunschweig
Eine unruhige Nacht.
Anschlag auf die Garnisonkirche. – Dynamitsprengung in der Bismarckstraße. – Ein Sipomann überfallen. – Einbruch.
Die vorige Nacht war in Braunschweig sehr unruhig. Es sind Anzeichen vorhanden, dass hier eine Verbrecherbande ihr Unwesen treibt. Über die Vorgänge der letzten Nacht liegen folgende Berichte vor:

Ein Dynamitanschlag auf das Haus Bismarckstraße 7
Bewohner der Steintorgegend vernahmen am Dienstag abend kurz vor 11 Uhr einen sehr scharfen Knall der von einer Sprengung herrühren mußte. Es stelle sich heraus, dass auf das Haus Bismarckstraße Nr. 7, in dem der Gerichtschemiker Nehring wohnt, ein Anschlag verübt worden war, und zwar war das Laboratorium durch den Anschlag vollständig zerstört worden. Alle Anzeichen lassen darauf schließen, dass der Anschlag von derselben Seite verübt wurde, wie jener auf das Tennishaus im Bürgerpark.
Die Sprengladung bestand allem Anschein nach auch hier aus Dynamit. …

Anschlag auf die Garnisonkirche.
Der zweite Anschlag, der kurz darauf vorgenommen worden ist, hatte nicht ganz den gewünschten Erfolg. Die Garnisonkirche ist, abgesehen von einigen zertrümmerten Türen, unbeschädigt geblieben. …

Braunschweiger Allgemeiner Anzeiger
Donnerstag, 14. Juli 1921, Seite 2
Ein neuer Dynamit-Anschlag
… Wie sich alsbald herausstellte, war wieder ein neuer Dynamitanschlag verübt worden. Der Anschlag galt diesmal dem Besitztum des Rittergutsbesitzers Ernst Lekebusch, Am Gaußberg 6. … Der Anschlag ist auf ähnliche Weise wie die beiden am Dienstag abend verübt worden. …

Weder Polizei noch Regierung setzen eine Belohnung zur Ergreifung der Täter aus, sondern:

Wir setzen für die Entdeckung derjenigen Personen, welche
durch die in letzter Zeit hier stattgehabten Explosionen mittels
Sprengmaterial Schäden an Gebäuden verursacht haben, aus
der Kasse der Landesbrandversicherungs-Anstalt
Zehntausend Mark
Belohnung aus. Die Zuteilung des Betrages erfolgt durch das
Direktorium der Staatsbank unter Ausschluß des Rechtsweges.
Direktorium der Braunschweigischen Staatsbank
Stübben

Heimliche militärisch eingerichtete Verbände in Braunschweig?
Vom Presseamt des Staatsministeriums gehen uns folgende Mitteilungen zu:
Im Freistaat Braunschweig bestehen drei ungesetzliche Organisationen, die ihre Mitglieder heimlich in Verbänden militärischer Art zusammengeschlossen haben und, soweit die Ermittelungen reichen, sämtlich von der Orgesch finanziell und zum Teil auch organisatorisch abhängen. Ihre Namen sind „Selbstschutz“, „Stahlhelm“ (Bund der Frontsoldaten“ und „Braver Heyderich“. Um den Geist zu
kennzeichnen, der in diesen Organisationen herrscht, seien aus dem außerordentlich umfangreichen Belastungsmaterial nur zwei Proben aus der Stadt Braunschweig angeführt:

1. Am 30. März d. Js. Fand bei Professor Ausfeld eine Oberführer-Versammlung des „Selbstschutz“ statt, in der unter anderem über die Lage der kommunistischen Partei Bericht erstattet wurde. Von einer Seite wurde zu größter Vorsicht gemahnt, worauf der Führer des Stoßtrupps, Erich Geffers, Ottmerstraße 5, erklärte, „man solle der Gesellschaft die Köpfe blutig schlagen und sie alle an die Wand stellen, Oerter, Junke und Buchterkirchen dazu.“

2. Am 2. Juni d. Js. fand eine … Versammlung des „Stahlhelm“ statt, in der im Anschluß an einen Vortrag … nationalistische Verhetzung getrieben wurde.

3. Es handelt sich bei den vorstehend angeführten Fällen lediglich um zwei herausgegriffene Beispiele, die den furchtbaren, geistigen und moralischen Tiefstand dieser verhetzten Volksschichten zeigen. Dies ist die Atmosphäre, in der … politische Attentate entstehen, …Das Staatsministerium wird das gesamte Material über die genannten ungesetzlichen Organisationen der Staatsanwaltschaft zur weiteren Veranlassung übergeben.

… Die obigen Mitteilungen machen den Eindruck, als habe das Staatsministerium vor allen Dingen einmal zeigen wollen, wie genau es über alle einzelnen Vorgänge unterrichtet ist. Wenn der Beweisstoff für ungesetzliche Handlungen übrigens, wie gesagt ist, der Staatsanwaltschaft übergeben worden ist, so wird man in nächster Zeit weiteres hören.
                                                                                                                                          Braunschweiger Allgemeiner Anzeiger, 18.06.1921, Seite 2

Das ist das Klima, in dem die Arbeiterschaft kollektiv unter Verdacht genommen und Minna Faßhauer angeklagt und verhaftet wird.

Für sie waren die Angriffe auf die Erfolge der Novemberrevolution nicht beendet: Sie widersetzt sich 1921 dem Entwaffnungsgesetz, wird wegen dieses Vergehens verurteilt, aber später amnestiert. Sie steht unter ständiger Beobachtung, die Familie wird mit Hausdurchsuchungen überzogen.

 

Verhaftungen

Niedersächsische Arbeiter-Zeitung
8. September 1921, Seite 4:

Aus Braunschweig
Massenverhaftung von Kommunisten in Braunschweig.
Fieberhaft arbeitet in den letzten Wochen der Polizeiapparat des Freistaates Braunschweig. Täglich werden uns Mitteilungen von Verhaftungen bekannter kommunistischer Genossen gemacht. So ist in den letzten Tagen wiederum eine Anzahl Genossen von der KAP. verhaftet worden. Ein Genosse wurde vom Krankenbett, eine Genossin von ihrem 1 ½ jährigen Kinde weg verhaftet. Der Vater des Kindes war bereits schon vor 14 Tagen eingesperrt worden.

Die Behörden schweigen, kein Polizeibericht meldet von den Verhaftungen. Wie Schwerverbrecher werden die Verhafteten behandelt und direkt nach Wolfenbüttel ins Zuchthaus gebracht. Minister Junke (USP.), Justizminister des Landes Braunschweig, kann keine Auskunft geben, warum die Genossen verhaftet wurden. …
Der Spitzelapparat ist stark in Tätigkeit. Allerhand Gestalten treten an unsere Genossen heran und verlangen Dynamit, Waffen, Flugzeuge und sonstige Dinge. Auf der anderen Seite kommen wiederum abgesandte Provokateure und bieten an: Maschinengewehre, Brownings, Feldgeschütze, 98er Gewehre mit Hunderttausenden von Schuß Munition. Nur Geld fehlt uns, mit all den angebotenen Waffen könnten wir eine Rote Armee ausrüsten. Am 30. August 1921 erschien, jedenfalls auch in höherem Auftrage, im KPD.-Büro, Klint 31, ein Bürschchen von 25 Jahren in Uniform, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und noch anderen Abzeichen, und bot zwei Waggons Waffen für 1 125 000 Mark an und verpflichtete sich, diese Ladungen unbemerkt von behördlichen Spähern in die Lagerräume eines kommunistischen Fabrikbesitzers gelangen zu lassen. Unsere Genossen haben dieses Früchtchen dann dingfest gemacht und der hiesigen Kriminalpolizei übergeben.

Ein Vierteljahr nach diesem Bericht gelangt Anfang Dezember 1921 ein Schreiben der Untersuchungsgefangenen aus der Haft nach draußen und wird in der Niedersächsischen Arbeiter-Zeitung am 6. Januar 1922 auf der Seite 4 veröffentlicht:

Aus Braunschweig

An die Bauarbeiter und Zimmerleute der Baustelle Spinnerei, an die Spinnereiarbeiter, sowie die der andern Betriebe, welche an uns denken!

Wolfenbüttel, den 5. Dezember 1921.

Liebe Arbeitsbrüder und –schwestern! Liebe Genossen!

Mit unendlicher Freude haben wir gehört, dass Ihr uns als Klassengenossen mit Eurer Solidarität zur Seite steht, dass Ihr damit unser Schicksal zu dem Eurigen macht, und dass Ihr mit uns zu fühlen wißt. Die ansehnlichen Sammlungen, durch die Ihr auch uns eine Weihnachtsfreude gemacht habt, beweisen uns, dass Ihr noch Gemeinschaftsgefühl und den Klassenwillen in Euch habt, der manchem Arbeiter abhanden gekommen ist. Dieser Wille stärkt und kräftigt. Laßt die helle Flamme, die in das Dunkel des Käfigs leuchtet, nicht verlöschen! Sie soll uns das Weihnachtslicht sein!

Und heute, wo die Glocken „Frieden“ und „Liebe“ läuten, wo eine blutige Lüge geputzt und blinkend durchs Land zieht, um uns in Schlaf und Zufriedenheit zu wiegen, und die Vergangenheit mit all dem Grauen, den Unterdrückungen und den vielen Arbeitermorden in uns vergessen zu machen, – heute, wo das Elend und die Not das Proletariat verzehrt, wo seine Mörder und die Kappisten, wo die Ludendorffe, Runges, Marlohs, Tamschicks usw. noch immer frei herumlaufen, und wo die Liebknechte, die wahren Menschen der Liebe, die Zuchthäuser und Gefängnisse füllen, ja, heute wollen wir unseren Feinden heilige Rache schwören und Mut und Kraft für die kommenden Kämpfe und Entbehrungen sammeln! So stimmt mit ein in den Ruf:

„Eh’ nicht der Sklaverei Ende:

Heilig die letzte Schlacht!“

Auf baldiges Wiedersehen im neuen, hoffentlich besseren Jahre!

Hermann Burtchen, Otto Busch, Paul Engemann, Rudolf Claus, Emil Gehrmann, Franz Junge, Frau Fassauer, Pitzser, Wilhelm Pätz, Karl Lange, Alfred Merges*, Wilhelm Rinne, Ludwig Rusch, Otto Meyer.

(Für die Genossen Renker und Schulze haben die Genossen aus Hannover und Delligsen gesammelt)

* Bei Alfred Merges handelt es sich um den Sohn von August Merges,den Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates und Präsidenten der Sozialistischen Republik Braunschweig, die das Ergebnis der Novemberrevolution war.

Ein weiteres halbes Jahr später, am Dienstag, den 21. März 1922, erfahren wir u.a. aus den Braunschweigischen Anzeigen:

„Die Braunschweiger Dynamitattentate vor dem Schwurgerichte.
Am Dienstag begann vor dem Schwurgericht die auf 3 – 4 Tage berechnete Verhandlung gegen die kommunistische Sprengkolonne, die im Sommer vorigen Jahres durch ihre lichtscheue Tätigkeit die Bevölkerung der Stadt Braunschweig beunruhigte. Während der Dauer der Verhandlung sind durch … Polizeiaufgebot besondere Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden.

Aus der Untersuchungshaft wurden auf die Anklagebank geführt: … die am 10. Oktober 1875 in Bleckendorf, Kreis Wanzleben, geborene Ehefrau des Schmiedes Georg Faßhauer in Braunschweig, Frau Minna Faßhauer geb. Nicolai, … der am 10. April 1900 in Delligsen geborene Mechaniker Alfred Merges, …
Für den unteren Zuhörerraum sind nur 60 Einlaßkarten ausgegeben. Zahlreiche Reflektanten von Einlasskarten, die lange vor Beginn der Verhandlung vor dem Justizgebäude Aufstellung nahmen, mußten abgewiesen werden.“

Im Artikel heißt es weiter:

„Laut Anklageschrift wird den Angeklagten, von denen Frau Faßhauer vor einigen Monaten aus der Untersuchungshaft auf ihre Bemühungen entlassen wurde, der Dynamitanschlag auf das Tennishaus im Bürgerpark am Abend des 29. Juni 1921, und die einige Tage bzw. mehrere Wochen später erfolgten Anschläge auf die Garnisonkirche, das Haus des Gerichtschemikers Dr. Nehring und schließlich der Anschlag auf die Villa des Rittergutes Leckebusch am Gaußberg zur Last gelegt.“

Dem „Braunschweiger Allg. Anzeiger“ vom 21. März 1922 ist der Kern der Anklage zu entnehmen:
Danach soll Minna Faßhauer am 5. Januar 1921 mit dem Fahrrad nach Delligsen (Kreis Gandersheim) gefahren sein, und dort einen Einwohner gefragt haben, „ob noch Dynamit vorhanden sei“, diese Information einem Mitangeklagten weitergegeben zu haben, der zum Zeitpunkt des Prozesses aber flüchtig war und nicht zur Sache befragt werden konnte und so wissentlich „durch Rat und Tat“ Beihilfe geleistet haben.

Anmerkung:

Im 85 km entfernten Delligsen im Landkreis Holzminden, das 1918/19 zum Regierungsbezirk des Arbeiter- und Soldatenrates gehörte, gab es einen Kalksteinbruch, der das täglich Brot vieler Delligser war.

Natürlich gab es wie in jedem Steinbruch auch dort Dynamit, und das Wissen über und der Umgang mit Dynamit  war den Delligsern vertraut und in Braunschweig bekannt – der Präsident der Sozialistischen Republik Braunschweig, August Merges, saß dort für die SPD im Gemeinderat, bevor er nach Braunschweig kam.

Folgen wir der Anklage, muß Minna Faßhauer, 46jährig, nach Delligsen und zurück 170 km mit einem Fahrrad damaliger Bauart  die hügeligen Straßen des Vorharz bei einer Temperatur von etwa 7° C, so die Wetterhistorie, bewältigt haben.

Minna Faßhauer erklärt sich für nicht schuldig und verweigert ebenso wie die Mitangeklagten die Aussage. Sie verbleibt  in Untersuchungshaft … obwohl berichtet wird, daß sie zwischendurch auch mal auf eigene Bemühungen entlassen wird.

Im ersten Artikel über die Eröffnung der Anklage wurden bereits die Paragraphen aufgezählt, die zur Verurteilung heranzuziehen seien.

Die Anklage zu stützen, beruft sich die Staatsanwaltschaft mehrfach auf einen „Gewährsmann“, den sie aber weder benennen will noch als Zeugen lädt, weil er nicht erreichbar sei.

Minna Faßhauer wird zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, die mit der Untersuchungshaft abgegolten waren.

Anmerkung:

Die bürgerlichen Ehrenrechte werden ihr trotz der Schwere der Anklage – immerhin „kommunistische Terrorakte!“ – nicht aberkannt.

Aber der Grundsatz „Im Zweifel für die Angeklagte“ fand keine Anwendung.

Die Beweise für Minna Faßhauers Beteiligung an den Anschlägen fehlen bis heute.

Die Verurteilung erscheint  als politisch gewolltes Konstrukt.

Der Verteidiger Justizrat Fränkel aus Berlin äußerte, er habe seit 20 Jahren in großen politischen Prozessen die Verteidigung geführt, aber „ich habe noch niemals ähnliches erfahren wie in Braunschweig.“

Die „Braunschweigische Landeszeitung“ schreibt am 22. März 1922 über den ersten Prozesstag:

„Die Braunschweiger Dynamitanschläge vor den Geschworenen.

Zu der Verhandlung am Dienstag gegen die Urheber der Dynamitanschläge waren (…)
Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden (…) und im Saale selbst war ein starkes Aufgebot von Sicherheitsmannschaften. Zwischen den einzelnen Angeklagten hatte je ein Beamter Platz genommen. Die Mehrzahl der Angeklagten hatte vor der Verhandlung eine recht vergnügte Miene aufgesteckt. Als Frau Faßhauer den Saal betrat, tönte ihr ein „Morgen, Minna!“ von einem schon anwesenden Angeklagten entgegen. Fröhlich lächelnd begrüßte sie einen jeden durch Handschlag.“

Am 22. März 1922 titelt die „Freiheit“, die Zeitung der USPD:

„Ein politischer Prozeß. Schwere Beschuldigungen gegen Untersuchungsrichter. –
Die Angeklagten verweigern die Aussagen.

(…) Gleich zu Beginn der Verhandlung kam es zu lebhaften Szenen zwischen der Verteidigung und dem Vorsitzenden. Der Justizrat Fränkel protestierte gegen die erhebliche Beeinträchtigung, die die Angeklagten dadurch erhalten haben, dass sie erst im Dezember 1921 Gelegenheit hatten,, mit ihren Verteidigern zu sprechen, trotzdem sie zum Teil schon seit Juli 1921 in Untersuchungshaft waren.

„Seit 20 Jahren“, sagte Justizrat Fränkel, „übe ich die Anwaltspraxis aus, ich habe in großen politischen Prozessen die Verteidigung geführt, aber ich habe noch niemals ähnliches erfahren wie in Braunschweig. Der Untersuchungsrichter Gerhard hat es fertig gebracht, ihm (…) die Aussprache mit den Angeklagten zu verweigern. Und zwar habe er erklärt, er kenne Justizrat Fränkel und seine Berufsauffassung nicht. (!)…
Der Untersuchungsrichter, Landrichter Gerhard, hat es aber weiter fertig gebracht, an die Gefängnisverwaltung zu schreiben, dass Justizrat Fränkel nur im Beisein des Untersuchungsrichters die Angeklagten sprechen dürfe. … Er könne nicht laut genug dagegen protestieren. …

Rechtsanwalt Hegewisch erklärt dann, dass er die Angeklagten auf ihr Recht hingewiesen habe, die Aussage zu verweigern.“ Er unterstrich die Ausführungen des Justizrates Fränkel. Beide protestierten auch dagegen, dass der Untersuchungsrichter Spitzel in die Zellen der Angeklagten geschickt habe, die sich das Vertrauen der Inhaftierten erschleichen sollten, um diese unter emotionalem Druck zu Aussagen zu verleiten. Hier soll nicht verschwiegen werden, dass sich einer der Angeklagten in der Untersuchungshaft das Leben genommen hat.

Die Beweise gegen Minna Faßhauer werden konstruiert, die Verurteilung erfolgt auf der Grundlage von Vermutungen:

Das „4. Blatt der Neuesten Nachrichten“ schreibt am 26. März 1922 auf Seite 13:

(…) „Nicht so milde (…) könne Frau Faßhauer angesehen werden. Diese sei eine entschlossene Persönlichkeit. Gegen diese Angeklagte beantragte der Staatsanwalt 10 Monate Gefängnis, (…)“

Das Urteil

Die Haftbefehle gegen (…) Frau Faßhauer hat das Gericht aufgehoben. (…) „Das Gericht hat dann auf folgende Strafen erkannt: Frau Faßhauer 9 Monate Gefängnis. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden den Angeklagten nicht aberkannt. Die Untersuchungshaft ist allen Angeklagten in vollem Umfang angerechnet worden.“

Wegen „kommunistischer Terrorakte“ gegen Kirchen und bürgerliche Institutionen wird sie ohne konkrete Beweise wegen „Dynamitvergehen“ zu neun Monaten Haft verurteilt, nach vier Monaten aber amnestiert. Diese Verurteilungen wegen angeblichem Dynamitvergehen- bzw. Waffenbesitz waren eine beliebte Methode in der Weimarer Republik, um missliebige Personen willkürlich zu verhaften, in der Regel Novemberrevolutionär*Innen, die geholfen haben, den Kapp-Putsch niederzuschlagen und die Republik zu retten.


Minna Faßhauer

8. Novemberrevolution 1918

Gegen Ende des Jahres 1918 bereitete sich die Arbeiterschaft in Braunschweig auf den fünften Kriegswinter vor. Die Versorgung mit Lebensmitteln, wichtigen Gütern des täglichen Bedarfs und Brennmaterial hatte sich mit jedem Kriegsjahr zusehends verschlechtert. Auch die sozialen Leistungen der Betriebe waren reduziert worden. Der Schwarzhandel blühte.

Kohlrübenwinter

„Die breite hungernde Masse, die aß weiter nichts als Steckrüben. Ob das Marmelade war, die war voll Steckrüben, oder ob das Wurst war, die war voll Steckrüben.“
Pro Kopf und Tag:
„3 Scheiben minderwertiges, vornehmlich aus Kohlrüben gefertigtes Brot
19 Gramm Fleisch und Wurst, die mit Sägespänen gemischt war
7 Gramm Margarine

Braunschweig 1918

„Illustrierte Zeitung zur Geschichte der Braunschweiger Arbeiterbewegung“

Zur gleichen Zeit im Schloss:

„Aus ihrem persönlichen Vermögen (Schatulle) – jährlich 68.000 Mark ohne Zinseinkünfte und Vermögensübertragung – konnte Victoria Luise 1917 so genannte Gnadengeschenke, vor allem also Spenden für Bedürftige, etwa 3.500 Mark ausgeben, während sie 12.000 Mark für ihre Garderobe aufwendete.

1915 hatte sie noch etwa 5.000 Mark für solche Gnadengeschenke und 24.000 Mark für ihre Garderobe aufwenden können.

Zitiert nach Gerd Biegel u.a.:

„Victoria Luise Kaisertochter, Herzogin und Braunschweiger Bürgerin“

S. 140: Wulf Otte: „Herzogin Victoria Luise – braunschweigische Landesmutter 1913-1918“

Joh.Heinr.Meyer Verlag, 1992

Am 7. November 1918 zog eine große Menschenmenge durch die Stadt, öffentliche Ämter wie das Polizeipräsidium in der Münzstraße wurden besetzt, Arbeiter bei Büssing und anderen Fabriken wurden mobilisiert. Fast die gesamte Braunschweiger Garnison lief zum Arbeiter- und Soldatenrat über.

Am 8. November 1918 gingen erneut Tausende auf die Straße. Im Laufe des Tages versammelten sich zwischen Ackerhof und Schlossplatz ca. 20.000 Menschen und warteten, daß etwas geschehe. Während Merges gegen 10 Uhr von einem Balkon des Volksfreunde-Hauses zur Menge sprach, wurde auf Dem Schloss die Rote Fahne gehisst.

(siehe auch „Die rote Fahne über dem Braunschweiger Schloss“ Novemberrevolution 1918/19 in Braunschweig. Hermann Wallbaum erzählt. In: Braunschweigs rote Seiten, DKP Braunschweig, Region Braunschweig.)

Am Nachmittag ging eine Abordnung unter Merges Führung in das Schloss zu Herzog Ernst-August und forderte ihn zur Abdankung auf. Nach kurzer Bedenkzeit und nach Beratung mit seinen Ministern

Unterzeichnet dieser die Urkunde. Er verließ Braunschweig am folgenden Tage zusammen mit seiner Familie nach Gmunden ins österreichische Exil.

Sozialistische Republik Braunschweig

Am 10. November wurde unter Führung von August Merges die „Sozialistische Republik Braunschweig“ ausgerufen, die von nun an unter der Herrschaft der Volkskommissare (Spartakus und USPD) stand. Diese wurden von Sepp Oerter geführt.

Der Arbeiter- und der Soldatenrat wählten ihre Mitglieder. Dem Arbeiterrat gehörten 35 Revolutionär*innen an, davon 7 Frauen, die zu 28 Prozent in dem Gremium vertreten waren:

Otto Kasten, Selma Trautmann, Marta Schuster, Hulda Graf, Paul Kühnel, Otto Grauer, Wilhelm Wegele, Henry Brennecke, August Merges, Minna Faßhauer, Paul Gmeiner, Karl Eckardt, Rudolf Klaus, Robert Gehrke, Rudolf Pfeiffer, Emma Böhm, Anna Menge, Berta Kaufmann, Arno Krosse, Wilhelm Voß, Gustav Gerke, Karl Dietermann, Karl Meinecke, Karl Stegmann, Wilhelm Hotopp.

Gemeinsam mit den Vertretern des Soldatenrates konstituierte sich der Arbeiter- und Soldatenrat der Sozialistischen Republik Braunschweig, der Minna Faßhauer das Amt der Volkskommissarin für Volksbildung übertrug. Damit übernahm erstmals eine Frau in Deutschland ein Ministeramt. Während ihrer Amtsführung erließ sie zwei Gesetze, die bis heute Gültigkeit haben:

  • Sie befreite die Schulen von der Oberhoheit und Weisungsbefugnis der Kirche
  • Und sie schaffte die gesetzliche Grundlage für weltliche Einheitsschulen, an denen die Geschlechtertrennung aufgehoben wurde.
  • Außerdem verbannte sie Kriegs- und Fürstenverherrlichung aus Schulbibliotheken und Unterricht und ersetzte die Kriegs- durch Kulturgeschichte. -> auch Schule/Bildung

Das neue Gesetz über die Volksschulaufsicht wurde auch im „Amtsblatt des Braunschweigischen Landes-Konsistoriums aufgenommen. Das Recht der Oberaufsicht der Kirchen stand in der Hierarchie bis 1918 dem Herzog zu, der die damit verbundenen Pflichten aber in die Hände  des zuständigen Staatsministeriums legte. Die Schrift „Braunschweigs Freudentage“ hält die Begrüßungszeremonien des Herzogs fest. Im Festgottesdienst im Dom St. Blasii freut sich der Hof- und Domprediger Dr. v. Schwartz :

„…so grüßen wir heute hier im Gotteshause als Christengemeinde, den, der fortan oberster Bischof unserer Landeskirche und zugleich das vornehmste Glied der Gemeinde sein wird, …“ („Braunschweigs Freudentage, Aktenstücke, Reden etc zur Thronbesteigung Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs Ernst August zu Braunschweig und Lüneburg“, Braunschweig 1913, Verlag von Hellmuth Wollermann, Hof- Buch- und Kunsthändler)

Diese Zuständigkeit fiel nun den Volkskommissariat für Volksbildung zu, das seine Verpflichtungen nicht delegierte, sondern selbst wahrnahm und so fand Minna Faßhauer Eingang in das Amtsblatt, wo es unter § 1 heißt:

„Die bislang von dem Staatsministerium wahrgenommene Oberaufsicht und oberste Leitung des gesamten Unterrichtswesens wird in der Republik Braunschweig von dem Volkskommissariat für Volksbildung ausgeübt, insoweit nicht für einzelne Arten von Schulen (z.B. Fachschulen usw.) abweichende Bestimmungen getroffen werden.“

Die Revolutionärin Minna Faßhauer erscheint verantwortlich im Amtsblatt des Landeskonsistoriums.

Der Dank für diesen Hinweis geht an den Kirchenhistoriker und Pastor i.R. Dietrich Kuessner.

Besuch in den Neuerkeröder Anstalten.

Der Volksfreund berichtet am 12. Februar 1919, daß die Volkskommissarin Minna Faßhauer im Januar 1919 die Neuerkeröder Anstalten besuchte. Eine Presseerklärung des Volkskommissariats  bestätigt am 12. Februar 1919:  „Mit Befriedigung konnte festgestellt werden, daß die in vielen Fällen außerordentlich schwere und mühsame Fürsorge für die in kleineren Gruppen untergebrachten rund 400 jungen und alten Zöglinge in guten Händen liegt.“

 

Der Arbeiter- und Soldatenrat in Wolfenbüttel

Etwa gegen 5 Uhr trafen am Morgen des 9. November 1918 Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates in Wolfenbüttel ein. Nach kurzer Verhandlung wurde die Kaserne besetzt und die Offiziere entwaffnet. Anschließend wurden Rathaus und Polizeiwache von Soldaten besetzt. Aus dem Gefängnis wurden die widerrechtlich verurteilten Arbeiter und Soldaten befreit. Schwerverbrecher bleiben weiter in Haft. Gegen Mittag des 9. November fand im „Löwen“ (heute Kaufhaus in der Breiten Herzogstr.), eine Volksversammlung statt, auf der Minna Fasshauer, die spätere Volkskommissarin für Volksbildung, sprach.

Der Inhalt ihrer Rede ist nicht überliefert. Bekannt ist jedoch, dass auf ihren Vorschlag hin ein Arbeiter- und Soldatenrat als Vollzugsorgan des Willens der Arbeiter und Soldaten gewählt wurde.

Darüber berichtet der „Braunschweiger Allgemeine Anzeiger“ am 9. November 1918:

Am 15. November 1918 nahm der Arbeiter- und Soldatenrat einen Wahlrechtsentwurf an, der allen Personen über 20 Jahren das geheime, gleiche und direkte Wahlrecht zuerkannte.

Volksfreund am 16. November 1918:

In der Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrates am 28. November 1918 weist Minna Faßhauer darauf hin, dass, wenn die Unabhängigen nicht das Szepter in die Hand genommen hätten, noch viele Menschenleben an der Front und auf der See dem alten Regime zum Opfer gefallen wären, und dass diese hier viel wichtiger wären, um ihre ehemaligen Unterdrücker zu bekämpfen, wie die Braunschweigische Landeszeitung am 29. November 1918 unter der Überschrift „Die Braunschweiger Regierung über den Ernst der Lage“ berichtet.

Ergebnisse der Novemberrevolution:

1918:

Der Feudalismus, die Herrschaft von Adel und Klerus wurde beseitigt. Es entstand eine bürgerlich-parlamentarische Demokratie und in ihr Rechte und Freiheiten, wie z.B. (chronologisch):

  • Beseitigung der Gesindeordnung und damit Beseitigung personenbezogener Herrschaft und Willkür
  • Einführung der Arbeitszeitverordnung am 23.11.1918 incl. Einführung des Acht-Stunden-Tages,
  • Einführung von Erwerbslosenfürsorge und Arbeitslosenhilfe durch Verordnung am gleichen Tag
  • Tarifvertragsverordnung vom 23.11.1918, d.h. Vorrang des Tarifvertrags vor

Einzelarbeitsvertrag

  • Generelle Notwendigkeit der Bildung von Arbeiterausschüssen (23.11.1918)
  • Anerkennung der Gewerkschaften als Vertreter der abhängig Beschäftigten
  • das allgemeine Wahlrecht / Frauenwahlrecht
  • Koalitions- und Versammlungsfreiheit
  • Kündigungsschutz, Arbeitsschutzbestimmungen, Mutterschutz
  • Abschaffung der Zensur

1920:

  • Betriebsrätegesetz: Arbeitgeber nicht mehr unbeschränkter „Herr im Haus“

1923:

  • Schlichtungsverordnung (bei nicht-gütlicher Einigung der Tarifvertragsparteien „Zwangstarif“ des Staates)

1926:

  • Arbeitsgerichtsgesetz löste die Arbeitsgerichtsbarkeit ab der zweiten Instanz aus Land- undReichsgericht und schuf dem Arbeitsleben entsprechende eigene Strukturen.

Die Arbeiter und Soldaten, die im November 1918 gegen Krieg, Imperialismus und Kapitalismus aufstanden, schufen Tatsachen, die bis heute wirken, und heute schon wieder verteidigt werden müssen.

Entsprechend des sich seit Jahren herauskristallisierenden Zieles der Arbeiterbewegung, Leben und Arbeit in die eigenen Hände zu nehmen, waren konkrete Vorstellungen und Forderungen entstanden, wie eine Räterepublik zu organisieren sei. Dafür wurde reichsweit gekämpft:

Räterepublik oder Parlamentarismus?

Im Bericht über den Gründungsparteitag der KPD ist das Konzept für eine Räterepublik zu finden, das in ganz Deutschland diskutiert wurde. Es ist die Antwort auf Unterdrückung und Polizeiknüppel und entspricht den jahrzehntelang diskutierten Vorstellungen der Arbeiterschaft. So wollten sie die Republik organisiert sehen:

Betriebsräte, die im Einvernehmen mit den Arbeiterräten die inneren Angelegenheiten der einzelnen Betriebe ordnen, die Arbeitsverhältnisse regeln, die Produktion kontrollieren und schließlich die Betriebsleitung übernehmen. Im Entwurf einer Berliner Kommission sollte ferner für jedes zusammenhängende Wirtschaftsgebiet ein

Bezirkswirtschaftsrat gebildet werden, der in allen Fragen, die die Arbeitsverhältnisse und die Kontrolle der Produktion und des Handels im Bezirk betreffen, selbständig zu entscheiden hat. Ein

Zentralwirtschaftsrat für das Reich hätte namentlich die Kontrolle der Rohstoffproduktion und des Außenhandels und die Belieferung der einzelnen Industrien mit Arbeitsmitteln vom Standpunkte der Überleitung zur sozialistischen Wirtschaft.

Die Arbeiterschaft sah in dieser Form der direkten Demokratie ihre Rechte glaubwürdiger garantiert als sie das im Parlamentarismus erkennen konnte. Nicht Abschaffung sondern mehr Demokratie war das Ziel – auch von Minna Faßhauer. Dies zu vertreten wurde sie in den Braunschweigischen Landtag delegiert.

Die Frage „Räteregierung oder Parlamentarismus“ wurde seit Jahren heftig diskutiert. Ende Dezember 1918 wurde schließlich ein Landesparlament gewählt. Die Wahl endete für die USPD unbefriedigend, denn obwohl sie stärkste Partei im Stadtgebiet wurde, konnte sie auf dem Land nicht an diese Ergebnisse anknüpfen, während das bürgerliche Lager sich konsolidiert hatte.

Als klar wurde, daß eine Mehrheit im Landtag mit der Minderheit des Bürgertums gegen die Forderung der Arbeiterschaft nach einer Räterepublik und für den Parlamentarismus stimmen wird, zog Minna Faßhauer die Konsequenzen:

 

 

 

 

Braunschweiger Allgemeiner Anzeiger, 8. März 1919

Am 1. Januar 1919 (in Braunschweig im März) gründete der Spartakusbund aus der politischen Lage die Konsequenzen ziehend die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Diesen Weg ging Minna Faßhauer nicht mit.

Die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin durch Angehörige der Garde-Kavallerie-Schützen-Division am 15. Januar 1919 führte deutschlandweit zu teils bürgerkriegsähnlichen Unruhen. In Braunschweig demonstrierten am 20. Januar 30.000 Menschen gegen den politischen Doppelmord. Die Lage in der Stadt verschärfte sich daraufhin.

Anfang April 1919 spitzte sich die Lage in der Stadt dramatisch zu.

Am 9. April 1919 riefen die Spartakisten auf dem Schloßplatz den Generalstreik aus. Ziel des Streiks sollte zum einen der Sturz der Koalitionsregierung in Braunschweig sein, zum anderen die Errichtung einer Räteregierung in ganz Deutschland. Zu diesem Zwecke wurden folgende Forderungen gestellt:

  • Alle Macht den Arbeiterräten
  • Absetzung der „Mörder-Regierung“ Ebert/Scheidemann
  • Anschluß an die Russische Räterepublik
  • Auflösung der Nationalversammlung und sämtlicher Landesversammlungen
  • Bewaffnung der Arbeiterschaft
  • Befreiung aller politischen Gefangenen

Der Landesarbeiterrat fügte diesen noch drei eigene hinzu:

  • sofortige Sozialisierung durch Einführung von Betriebsräten
  • Auflösung aller Freikorps
  • Schaffung eines Volksheeres

Das Fernziel des Arbeiter- und Soldatenrates bestand in der Schaffung eines deutschen Einheitsstaates, in dem das Land Braunschweig aufgehen sollte; Nahziel war jedoch zunächst die Errichtung einer sozialistischen Staats- und Wirtschaftsordnung im Lande Braunschweig.

Die Reichsregierung lehnte diese Forderungen mit der Begründung ab, sie seien utopisch und deshalb nicht umsetzbar.

Die Auffassung in Berlin war: „Braunschweig war seit Ende 1918 politisch der ‚Mittelpunkt der kommunistischen Bewegung und der Herd aller Schwierigkeiten für die Durchführung der laufenden Arbeiten der Reichsregierung‘“

Auf Befehl Eberts verhängte Noske über Braunschweig den Belagerungszustand und schickte Freikorps unter dem Befehl von General Maercker nach Braunschweig, die die Novemberrevolution niederschlugen.


Minna Faßhauer

7.2 Der Generalstreik

Die Lebenslage des Volkes, vor allem der werktätigen Bevölkerung, hatte sich mit zunehmender Dauer des Krieges erheblich verschlechtert. Nicht nur, dass die Lebensmittelrationen gesenkt wurden, auch die sozialen Leistungen in den Betrieben wurden eingeschränkt.

Der Volksfreund beschreibt die Not der Bevölkerung am 2. November 1915:

„Wie hoch die Flut des Unmutes über die Lebensmittelteuerung in der Bevölkerung bereits gestiegen und wie entschlossen ihr Wille ist, ein gründliches Abdämmen des Lebensmittel-wuchers zu fordern, das bewies jedem, der sehen wollte, die öffentliche Versammlung, die gestern vom Sozialdemokratischen Verein in den großen Saal des Wilhelmsgartens einberufen war (…)

Die Stimmung ist so knapp als richtig zusammen gefaßt in diesen vier Worten:

Not kennt kein Gebot!“

Frauen, unter ihnen  Minna Faßhauer, verfolgten in der nächsten Sitzung des Magistrats vor allem, wie die sozialdemokratischen Stadtverordneten die ihre Forderungen nach ausreichenden und billigen Lebensmitteln vertraten. Sie sprach als erste in der Diskussion:

„Sie haben die Ausführungen gehört und durch Ihren Beifall bewiesen, dass Sie einverstanden sind. Wie groß die Fleischnot ist, das beweist die Menge von Menschen, die heute nach der Freibank gehen. Es ist solch ein Gedränge, dass Polizisten dort Ordnung schaffen müssen. In der Kartoffelfrage ist es dringend Zeit, dass zugegriffen wird. Wir haben Opfer gebracht, aber wir verlangen auch von denen, die vom Vaterlande große Stücke Boden besitzen, dass sie Opfer bringen. Wir wollen eine Deputation zu den Ministern schicken und ihnen sagen, dass die deutschen Arbeiter nicht mehr hungern wollen! (Stürmischer Beifall.)

Die folgende Versammlung im Wilhelmsgarten beschloss, eine Deputation von Frauen an das Herzogliche Ministerium zu senden, um  Forderungen vorzulegen. Diese Deputation wurde von Minna Faßhauer geführt.Auftrag: Die Regierung solle begreifen, dass in der unter dem Wucher leidenden Bevölkerung ein Wille herangereift und stahlhart entschlossen sei, wegzuräumen, was der Versorgung der Bevölkerung mit billigen Lebensmitteln im Weg stehe.

Einmütig stimmte die Versammlung den Forderungen zu, die in folgender Entschließung erhoben wurden:

„Die durch gewissenlose Produzenten und Großspekulanten während der Kriegszeit wucherisch in die Höhe getriebenen Lebensmittelpreise haben eine außerordentliche Notlage weiter Schichten der Bevölkerung herbeigeführt. Die Versammelten fordern deshalb ein schleuniges behördliches Eingreifen der Braunschweiger Landesregierung und der Reichsregierung auf folgender Grundlage:

  1. Festsetzung von mäßigen Höchstpreisen für Produzenten, Groß- und Kleinhandel. Die Höchstpreise haben sich nicht an die gegenwärtigen, wucherisch hochgeschraubten Marktpreise zu halten; sie sind viel mehr so festzusetzen, dass dem Produzenten und Händler lediglich der Durchschnittsprofit normaler Friedensjahre bleibt.
  2. Höhere Aufwendungen für die Einfuhr von Gebrauchsartikeln und Lebensmitteln vom Ausland sind aus Reichsmitteln zu decken. Die Einfuhr ist durch die Zentraleinkaufs-gesellschaft kaufmännisch zu leiten. Diese Reichsaufwendungen für Lebensmittel sind durch Besteuerung der Kriegsgewinne zu decken.
  3. Rationierung (Kartenausgabe) für Fleisch, Fleischwaren, Butter und Speisefetten.
  4. Beschlagnahmerecht der Gemeinden für Lebensmittel. Beschlagnahmepflicht auf
  5. Anweisung des Ministeriums des Innern.
  6. Produktionszwang auf zwangsgenossenschaftlicher, kommunal- und staatsbetrieblicher Grundlage.
  7. Die Gemeinden müssen zur Lebensmittelversorgung angehalten werden. Die Abgabe ist so zu regeln, dass in erster Linie die minderbemittelte Bevölkerung berücksichtigt wird und die Waren zu mäßigen Preisen erhält. Durch Kartenausgabe (Rationen-einteilung) muß vermieden werden, dass einzelne Personen größere Quantitäten erwerben, während andere leer ausgehen. Für Familien und Hinterbliebene minderbemittelter Kriegsteilnehmer soll von den Gemeinden ein ermäßigter Preis festgesetzt werden.

Sofort erforderlich sind Höchstpreise und Beschlagnahmerecht für folgende Lebensmittel: Vieh, Fleisch, Fleischwaren, Seefische, Milch, Butter, Käse, Eiern, Oele, Fette, Hülsenfrüchte, Gemüse.“

Deutlich wird, dass diese Unmutsäußerungen lediglich die Spitze des Eisbergs darstellen!

Diese allgemeine Not der Bevölkerung bestärkte ihren Wunsch nach sofortiger Beendigung des Krieges. In den sich ausbreitenden revolutionären Kämpfen 1917 wurde in immer größerem Maße die Forderung erhoben, diesen Krieg sofort zu beenden. Auch jetzt wurden wieder selbstgefertigte Handzettel mit dem Aufruf zum Streik in den Betrieben verteilt.

Die ersten, die diesem Aufruf folgten, waren die auf einem Neubau der Firma Büssing beschäftigten Bauarbeiter. Insgesamt beteiligten sich die Arbeiter von 52 Betrieben ganz oder teilweise am Streik.

Dem Aufruf zur Versammlung am Nachmittag des 15. August folgten etwa 5 000 streikende Arbeiter. Diese Versammlung konnte die Streikforderungen beschließen und eine Verhandlungskommission bestehend aus: R. Kugelberg, Richter, Warnecke, P. Junke und Minna Fasshauer wählen, bevor sie von einem großen Aufgebot von Landjägern für verboten und aufgelöst erklärt wurde.

Die Verhandlungskommission hatte den Auftrag, dem Staatsministerium folgende Forderungen zu übermitteln:

  1. Einsetzung eines Ernährungsausschusses, an dem Vertreter der Arbeiter beratend, bestimmend und mit ausübender Gewalt teilnehmen.

  2. Beseitigung aller Sondervergünstigungen für einzelne Schichten der Bevölkerung und gerechte Verteilung aller Lebensmittel und Bedarfsgegenstände nach gleichem Maße an die Gesamtbevölkerung.

  3. Beseitigung aller Überstundenarbeit. Einführung des achtstündigen Arbeitstages. Entsprechende Lohnerhöhungen. Wiedereinführung der gesetzlichen Arbeitsschutzbestimmungen in den Fabriken. Aufhebung des Hilfsdienstgesetzes.

  4. Reform des braunschweigischen Landtagswahlrechtes nach einem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht für alle männlichen und weiblichen Staatsbürger.

  5. Aufhebung des Belagerungszustandes und aller Beschränkungen des Vereins- und Versammlungsrechtes sowie des Koalitions-rechtes. Sofortige Ermächtigung zur Herausgabe eines Blattes für die Arbeiterschaft Braunschweigs.

  6. Sofortige Befreiung aller wegen politischer und militärischer Vergehen Verhafteter und Verurteilter; ebenso solcher Personen, die wegen Lebensmittelunruhen verurteilt sind.

  7. Eintreten der Braunschweiger Regierung für die Anbahnung sofortiger Friedensverhandlungen auf der klar ausgesprochenen Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, ohne Annexion und Kriegsentschädigung.

  8. Bestimmte Zusage, dass kein am Streike in irgendeiner Weise beteiligter wegen der Streikbeteiligung gemaßregelt, zum Militär eingezogen oder strafrechtlich verfolgt werde.

Diese Forderungen wurden dem Staatsministerium von der Kommission unterbreitet. Das Ministerium erklärte, über die von den Streikenden beschlossenen Forderungen erst nach Wiederaufnahme der Arbeit verhandeln zu können. Diesen Entscheid sollte die Kommission auf einer für den 16. August genehmigten Versammlung übermitteln. Diese fand vormittags 10 Uhr im „Ölper Waldhaus“ statt. Inzwischen hatten sich aber weitere Arbeiter dem Streik angeschlossen, so dass jetzt 7 000 Arbeiter in der Versammlung anwesend waren. Sie folgten dem Aufruf, die gestellten Forderungen durchzusetzen und die Arbeit nicht wieder aufzunehmen.

Mit diesem Ergebnis hatten die Minister nicht gerechnet. Als die Kommission damit bei ihnen erschien, wurde sie abgewiesen.

Das Generalkommando verhängte den verschärften Belagerungszustand, alle Rüstungsbetriebe wurden unter militärische Leitung gestellt. Mit dieser Maßnahme wurden die Arbeiter dieser Betriebe als zum „Heeresdienst eingezogen“ betrachtet. Gleichzeitig wurde in Braunschweig ein außerordentliches Kriegsgericht installiert. Die Verhandlungskommission wurde aufgefordert, diese Maßnahmen der Arbeiterschaft bekanntzugeben und die Wiederaufnahme der Arbeit durchzusetzen.

Dieser Aufforderung leistete die Kommission nicht Folge. Die Arbeiter der Jutespinnerei wie der Konservenindustrie schlossen sich dem Streik an. Auf der am 17.8.1917 einberufenen Versammlung fand sich niemand, der den zahlreich erschienenen Arbeitern den Abbruch des Streiks empfahl.

Sofort, nachdem auch dieser Versuch gescheitert war, die Arbeiter zum Abbruch des Streiks zu bewegen, trat das außerordentliche Kriegsgericht in Aktion. Es wurden erhebliche Strafen gegen mehr als 200 streikende Arbeiterinnen und Arbeiter zu Strafen zwischen einer Woche und einem Jahr verhängt.

Selbst als der Streik beendet war, blieben viele der Gewaltmaßnahmen bestehen. So verpflichteten sich die Unternehmer von 52 Braunschweiger Betrieben auf Betreiben des GKdO dazu:

  1. Den jetzt bei ihnen als Arbeiter-Soldaten weder direkt noch indirekt einen Zuschuß zu ihrem Wehrsold zu zahlen.

  2. Den über den Sold hinausgehenden Verdienst bis zum Tariflohn auf das Konto des GKdO zu zahlen.

  3. Den durch diese Regelung entstehenden Lohnausfall auch nicht nachträglich zu vergüten.

  4. Listen „über notorische Störenfriede“ anzulegen und die hier namhaft gemachten Arbeiterinnen und Arbeiter für mindestens zwei Monate in ihren Betrieben nicht einzustellen.

Allen voran unterschrieb I. A. Schmalbach diese Vereinbarungen. Aber selbst dieses Druckmittel bliebe letzten Endes wirkungslos. Die Arbeiter produzierten in den Betrieben Ausschuß in Massen, so dass diese Maßnahme nach einiger Zeit stillschweigend außer Kraft gesetzt wurde. Auf diese Weise gelang es im Sommer 1917 den vereinten Anstrengungen der Unternehmer und des GKdO die „Ruhe“ in Braunschweig herzustellen.

Trotzdem in diesem Falle die Wiederaufnahme der Arbeit erzwungen wurde und die Arbeiterschaft ihre Forderungen nicht durchsetzen konnte, findet dieser Generalstreik im August 1917 in der Reihe jener Kämpfe Platz, bei denen die Braunschweiger Arbeiterschaft in vorderster Front des antimilitaristischen Kampfes in Deutschland stand.

  • Im Kampf für das Reichsvereinsgesetz,
  • Im Kampf ums allgemeine, gleiche, direkte und geheime Frauenwahlrecht,
  • Im Kampf für Kinderschutz, Kindergärten und – horte,
  • Im Kampf für eine Schule, die die Kinder fördert und Bildung vermittelt,
  • Im Kampf für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen,
  • Im zunehmend politische Kampf für umfassende Frauenrechte,
  • Im antimilitaristischen Sparzwangstreik,
  • Im großen Solidaritätsstreik für Karl Liebknecht,
  • Und letztlich im Generalstreik

ist die Braunschweiger Arbeiter*innenbewegung gewachsen, haben sie Bewußtsein für ihre Lage entwickelt und geholfen, das alte morsche System, den Feudalismusendgültig zu überwinden, den Adel als Herrschaftssystem und das Ständewesen abzuschütteln und wegzufegen.

Die November-Revolution ist das zwangsläufige Ergebnis unhaltbarer überholter Zustände. Die Forderungen der Frauen und Männer der Braunschweiger Arbeiterbewegung spiegeln sich in den erkämpften Erfolgen  der November-Revolution.


Minna Faßhauer

7.1 Vom Bildungsverein zum Streik

  • Bildungsverein für jugendliche Arbeiterinnen und Arbeiter
  • Sparzwangstreik
  • Liebknechtstreik

Über die Tätigkeit von Minna Faßhauer mit und in den Organisationen der Arbeiterschaft haben wir in den vorhergehenden Berichten schon einiges erfahren. Eine große Rolle spielte der „Bildungsverein jugendlicher Arbeiterinnen und Arbeiter“. Mit den Jugendlichen hatte Minna für das Reichsvereinsgesetz gekämpft, strebte in und mit der Arbeiterschaft die Abschaffung des Drei-Klassen-Wahlrechts an und alles in einem Klima der Unterdrückung und des Polizeiknüppels in einem sich zuspitzenden antimilitaristischen Kampf.

  • Die Jugendlichen, unter ihnen Minna Faßhauer, entwickelten einen klaren Klassenstandpunkt.
  • das Selbstbewusstsein der Arbeiterschaft wurde gestärkt
  • Widerstand gegen die sich verschärfende Lage entwickelte sich.

Der Bildungsverein wächst schnell, die Proteste gegen Polizeiwillkür und zunehmend gegen die wachsende Kriegsgefahr nehmen in den Folgejahren zu, denen sich auch die die Braunschweiger Arbeiter anschlossen.

Das Elend in der alltäglichen Realität schärfte das Bewußtsein der Braunschweiger Arbeiterschaft.

Dem Aufruf des „Volksfreund“ am 28.7.1914 zu einer Protestversammlung gegen die Kriegshetze folgten mehr als 5 000 Bürger. Sie erklärten in einer einstimmig angenommenen Resolution ihre Bereitschaft, „…treu zu den Organisationen der Arbeiterschaft zu stehen und alle Bestrebungen zu bekämpfen, die geeignet sind, den Frieden und die Kulturarbeit der Völker zu zerstören.“

Diesen Widerstand versuchten die Militärbehörden von Beginn an mit Gewaltmaßnahmen zu brechen. Die Klassengegensätze verschärften sich. Man rechnete mit Unruhen wegen der zunehmenden Lebensmittelknappheit und -teuerung infolge des Krieges und rüstete nach innen gegen die eigene Bevölkerung!

Trotz der von den Militärbehörden verfügten Gewaltmaßnahmen fanden sich in Braunschweig Mitglieder und Funktionäre der SPD zusammen, die mit der Bewilligung der Kriegskredite und dem Einschwenken ihres Parteivorstandes auf den Kriegskurs des kaiserlichen Deutschlands nicht einverstanden waren.

Bereits 1916 und 1917 hatte diese Gruppe in fast allen Betrieben Vertrauensleute, vielfach jedoch Gruppen, mit deren Hilfe die jeweiligen Aufgaben durchgeführt werden konnten. Die Spartakusgruppe war entstanden.

Drei Streiks prägen jene Jahre, der Sparzwangstreik und der Liebknechtstreik, auf die wir hier nicht näher eingehen bis auf eine Begebenheit im Sparzwangstreik:

Die zweite Streikversammlung fand am 2. Mai im „Ölper Waldhaus“ statt. Auf Antrag von Sachs und Krosse wurde hier beschlossen, über die Partei und die Gewerkschaften mit dem Generalkommando Verhandlungen über die Aufhebung des Sparzwanges einzuleiten.

Inzwischen hatte sich die Erregung auf dem Hagenmarkt, dem Platz der Arbeiterschaft zu der Zeit, weiter gesteigert. Besonders unter den Frauen, die zusammen mit den Jugendlichen auf dem Hagenmarkt waren und vor der Firma Weihe auf die Ausgabe von Kartoffeln warteten. Als unter ihnen bekannt wurde, dass der Inhaber der Firma, Fischer, erklärt haben soll: „Wenn die Frauen keine Kartoffeln kriegen, sollen sie Kartoffelschalen fressen. Für das Pack ist das gerade gut genug“, war wenige Augenblicke später das Geschäft gestürmt und ausgeräumt.

Die Polizei hatte jetzt Anlaß, um brutal gegen Frauen und Jugendliche auf dem Hagenmarkt vorzugehen. Mehrere Stunden versuchte sie jetzt vergeblich, den Hagenmarkt und die anliegenden Straßen von Demonstranten zu säubern. Den Markt unter ihre Kontrolle zu bringen, war sie nicht in der Lage. Erst gegen Abend ließen die Zusammenstöße nach.

Wir sind sicher, daß Minna Faßhauer hier ihrem Anspruch entsprechend aktiv gewesen ist. Wichtiger aber ist, daß sie und die Jugendlichen wie auch die gesamte Braunschweiger Arbeiterschaft in diesen Streiks gewachsen und stärker geworden ist.

Wir können nur vermuten, daß Minna Faßhauer im Sparzwangstreik und im Liebknechtstreik 1916/1917 aktiv gewesen ist, Belege darüber waren bisher nicht zu finden.


Minna Faßhauer

6. Vom Bildungsverein zur Frauenversammlung

An Wahlrechtsdemonstrationen und andere Aktionen der SPD, die häufig zu Zusammenstößen mit der Polizei führten, nahmen regelmäßig eine Anzahl Jugendlicher teil, die 1907 die Partei zur Schaffung einer Jugendorganisation in Braunschweig aufforderten. Nach einer Besprechung im gleichen Jahr, an der Dr. Jasper und die Jugendlichen Robert Wiebold, G. Kirchner und Walter Römling teilnahmen wurde von Heinrich Jasper ein Statutenentwurf auf der Grundlage des noch geltenden Vereinsgesetzes von 1850 gefertigt. In einer Versammlung mit rund 20 Jugendlichen kam es nach Diskussion zur Gründung des „Bildungsvereins jugendlicher Arbeiter Braunschweig“. In den Vorstand wurden gewählt: Robert Wiebold als 1. Vorsitzender, als Kassierer G. Kirchner und als Beisitzer Walter Römling, Otto Kolbe und Fritz Beuke. So wurde in Braunschweig, wie in anderen Städten, eine selbständige Arbeiterjugendorganisation geschaffen, die auf Initiativen von Karl Liebknecht zurückgingen.

Seit dem 15. Mai 1908 ist endlich das restriktive Vereins- und Versammlungsrecht außer Kraft, das den Proletarierinnen  jede politische Betätigung bis hin zur Teilnahme an politischen Versammlungen untersagt hatte, und sofort organisierte der Sozialdemokratische Verein Braunschweig eine Frauenversammlung mit dem ersten Tagesordnungspunkt „Der Befreiungskampf der Arbeiterklasse“ im Gewerkschaftshaus. Nun wurde nicht mehr über die Köpfe der Frauen und ihre Rechte entschieden, jetzt konnten sie selbst das Wort ergreifen.

Die Frauen forderten von ihren Organisationen die Einrichtung von Frauenversammlungen, in denen sie selbst öffentlich diskutieren, ihre Lage besprechen und Forderungen formulieren konnten, um sie dann in Partei und Gewerkschaft einzubringen.

Die Bedeutung der Frauenkonferenz 1908 unter der Leitung von Klara Zetkin und Luise Zietz zeigt sich darin, daß die Frauen nicht nur legal, sondern inhaltlich gestärkt aus der ihnen von der Obrigkeit zugewiesenen Bedeutungslosigkeit heraustreten und mit fundierten Argumenten ihre Lage öffentlich vertreten können.

Die Handschrift Minnas wird deutlich.

Volksfreund 28. Juni 1908:


Dem Bürgerrecht der Frau in der Gemeinde galt ein weiterer Antrag der Konferenz, den die Genossinnen einbrachten und begründeten. …und „dass die Genossen in den Kommunalverwaltungen schon jetzt mit allem Nachdruck für die Heranziehung der Frauen zu den öffentlichen Ämtern eintreten sollen.“

Es handelte sich also nicht nur darum, individuell wählen zu können, sondern es ging ganz klar darum, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterklasse, besonders der Frauen, zu verbessern. Dazu gehörten die Beseitigung der Mängel, die das Vereins- und Versammlungsrecht aufwies, „Mängel, die im schroffem Widerspruch zu den Interessen und Forderungen der Arbeiterklasse standen“, gemeint war vor allem das Koalitionsrecht sowie Arbeitsschutz und Arbeitszeitverkürzung.

Die Zahl der Teilnehmerinnen in den Bildungsvereinen sei gewachsen, wurde abschließend festgestellt, die sich Kenntnisse und Gewandtheit angeeignet hätten, um nun ihrerseits als Lehrende oder als Diskussionsrednerinnen, als Referentinnen im kleinen Kreis wirken zu können.

Die Aufgaben der Bildungsvereine: „Die Entrechtung der Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahre, (…) verpflichtet die Genossinnen, sich noch mehr als bisher um die Erziehung der proletarischen Jugend zu kümmern. Die Frauen müssen befähigt werden, als Mütter ihre Kinder daheim in sozialistischem Geiste zu erziehen und dadurch dem reaktionären Einfluß der Schule … kräftig entgegenzuwirken.“

Tausenden proletarischen Frauen sei zum Bewußtsein gebracht worden, dass die großen sozialen und politischen Gemeinschaften, Kommune, Staat und Reich verpflichtet sind, fürsorgend für Mutter und Kind einzugreifen, weil die kapitalistische Gesellschaft eine immer größere Zahl von Familien der Mittel beraubt, und ein körperlich und geistig gesunder Nachwuchs der größte gesellschaftliche Reichtum ist.

„Volksfreund vom 5. September 1908“

Die Konferenz schätzt ein: „Die Entwickelung hat es von neuem bestätigt: Es gibt nur ein hüben und drüben, hie Proletariat, hie herrschende Klasse. Nur der Sozialismus kann die Arbeiterschaft von allem geistigen und materiellen Elend erlösen. … wir wollen jedem den größtmöglichen Anteil an der Kultur verschaffen. Werden und werben wir deshalb Sozialistinnen, dann ist unser die Welt.“ (Lebhafter Beifall).

Die proletarische Frauenbewegung marschiert.

Der Volksfreund berichtet am 12. Januar 1910, daß die Zahl der weiblichen Parteimitglieder von 28 000 auf 62 000 gestiegen sei.

„… Die … Verhältnisse und die politischen Maßnahmen machen es … zu einer Lebensfrage …, wie die Frauen und Mädchen des Proletariats für den Klassenkampf zu gewinnen und zu schulen sind. Steht doch die Arbeiterklasse gegen eine Welt von Feinden, deren sie sich aus eigener Kraft erwehren muß. … jede kleinste Aufbesserung des Lohnes, jedes Quentchen Reform, die geringste Erweiterung unserer Rechte im harten, mühsamen Kampfe errungen werden, es gilt gleichfalls, das bereits gewonnene Terrain zu verteidigen und Front zu machen gegen beabsichtigte Verböserungen; … auch auf dem Gebiete der Staatsbürgerrechte, des Arbeiterschutzes, der Arbeiterversicherung, der Steuergesetzgebung u. a. m. …“

Die Frauen trau’n sich was

Die Erste Internationale sozialistische Frauenkonferenz von 1907 in Stuttgart und die Umsetzung der dort gefassten Beschlüsse, in die immer mehr Arbeiterfrauen einbezogen worden waren, entfaltete Wirkung. Sie fand ihre Fortsetzung in Kopenhagen:

Vom 26. bis 28. August 1910 tagte dort die II. Internationale sozialistische Frauenkonferenz. Etwa 100 Frauen aus 17 Nationen beschließen auf Vorschlag Clara Zetkins und Käte Dunckers, künftig jedes Jahr einen Frauentag mit internationalem Charakter durchzuführen:

Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. Die Forderung muss in ihrem Zusammenhang mit der ganzen Frauenfrage der sozialistischen Auffassung gemäß beleuchtet werden. Der Frauentag muss einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.“

Zentrale Forderungen über das Wahl- und Stimmrecht für Frauen hinaus waren der Kampf gegen den imperialistischen Krieg, für Arbeitsschutzgesetze, ausreichender Mutter- und Kinderschutz, gleicher Lohn bei gleicher Arbeitsleistung, der Achtstundentag und die Festsetzung von Mindestlöhnen. Der Aufruf wirkte wie eine Initialzündung im Wahlrechtskampf (sh. dort).

Am 19. März 1911 fand der erste Internationale Frauentag in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Das Datum wählten die Frauen in der Arbeiterschaft im Andenken an die März-Kämpfe der bürgerlichen Revolution 1848. Allein in Deutschland nahmen über eine Million Frauen – sie waren weit in der Überzahl – und Männer an Veranstaltungen und Demonstrationen teil, um ihr Recht auf volle politische Mündigkeit einzufordern.

Clara Zetkin schreibt über den Internationalen Frauentag in der „Gleichheit“: „Sein Ziel ist Frauenrecht als Menschenrecht, als Recht der Persönlichkeit, losgelöst von jedem sozialen Besitztitel. (…) Wir müssen Sorge tragen, daß der Frauentag nicht nur eine glänzende Demonstration für die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, sondern darüber hinaus der Ausdruck einer Rebellion gegen den Kapitalismus, eine leidenschaftliche Kampfansage all den reaktionären Maßnahmen der Besitzenden und ihrer willfährigen Dienerschaft, der Regierung ist.“

Robert Biehl, der 1898 in Braunschweig geboren wurde und in der sozialistischen Arbeiterjugend aktiv war, beschreibt in seinen Erinnerungen an die erste Versammlung zum Internationalen Frauentag 1913 in Braunschweig:

„Otto Grotewohl fragte, ob uns bekannt sei, dass in wenigen Tagen der 8. März mit einer Kampfkundgebung der Frauen erstmalig in Braunschweig als Internationaler Frauentag begangen werden sollte. …

Die mir gut bekannte Genossin Faßhauer, von der ich wusste, dass sie in engem Kontakt zu Clara Zetkin und Rosa Luxemburg stand, eröffnete die Versammlung im Saal der Hohetorschänke. Ich hockte hinter den Kulissen und durfte als junger Bursche an dieser Frauenkundgebung teilnehmen.“

Währenddessen hielten sich Hunderte von Genossen … auf dem Friedhof Goslarsche Straße auf. Nach Ende der Versammlung verließen sie den Friedhof und mischten sich unter die Frauen. Auf diese Weise entstand ein stattlicher Demonstrationszug, der sich in Richtung Schloß in Bewegung setzte. Die Demonstranten mussten das Zentrum der Stadt passieren, denn es war beabsichtigt, auf dem Bohlweg, einer der Hauptverkehrsstraßen, für die Gleichberechtigung der Frauen zu demonstrieren. Auf dem Hagenmarkt, dem traditionellen Platz der Kundgebungen und Arbeiterdemonstrationen, sollte diese    8.-März-Veranstaltung beendet werden.

Minna Fasshauer hat sich nicht nur theoretisches Wissen angeeignet, sondern dieses Wissen auch konsequent in praktische Arbeit für die Sache der Arbeiterbewegung umgesetzt.

Frauen-Beilage Volksfreund, 7. März 1914:

Sie versprachen den Kampf um ihr Recht mit aller Macht und mit glühender Hingabe weiter zu führen. Die Fragen, die sie sich stellten, waren nicht nur auf sich selbst bezogen, sondern eng verknüpft mit dem Recht, wählen zu dürfen und damit für ihr Leben selbst die Weichen zu stellen:

Krieg

Nachdem Wilhelm II. der Welt den Krieg erklärt hatte, erkannte Minna Faßhauer die Notwendigkeit des Zusammengehens mit bürgerlichen Frauenvereinen, um ein Höchstmaß an Hilfe für die Frauen in der Arbeiterklasse organisieren zu können. Sie nahm an einem Treffen des Verbandes der Frauenvereine für das Herzogtum Braunschweig teil. Der „Volksfreund“ berichtet über einen Artikel in den Braunschweiger Nachrichten:

Der Verband der Frauenvereine für das Herzogtum Braunschweig hielt am Freitag eine Versammlung der Vorstände der ihm angeschlossenen 36 Vereine ab, welcher auch Gäste beiwohnten, u.a. die Herren Landsyndikus Klaue, Stadtrat von Frankenberg als Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, die Herren Stadtschulrat Rehkuh, Geh. Kommerzienrat Schmidt und Dr. Jasper, sowie einige Frauen als Vertreter des freien Gewerkschaftskartells. Alle hatte die als einziger Punkt der Tagesordnung aufgestellte Frage herbeigerufen:

„Auf welchen Gebieten müssen wir Frauen in diesen schweren Zeiten helfend eingreifen?“ Frau Hedwig Götze erklärte, die Frauenvereine haben sich folgenden Aufgaben zu widmen:

1. Der Fürsorge für solche Familien, deren Ernährer im Felde oder durch den Krieg arbeitslos geworden sind.

2. Der Arbeitsvermittlung für erwerbsuchende Frauen und für freiwillige Hilfskräfte.

3. Der Auskunftserteilung an alle Frauen, die in irgendwelchen mit dem Kriege zusammenhängenden Fragen Rat suchen.

Diesen hohen Aufgaben wollen wir uns alle hingeben ohne Unterschied der Partei, des Vereins und der Person, und wollen uns darum zu einer Vereinigung unter dem Namen „Nationaler Frauendienst“ zusammenschließen. Dieses Arbeitsprogramm wurde mit Beifall aufgenommen und auf Vorschlag des Herrn v. Frankenberg kam man überein, der Bezeichnung „Nationaler Frauendienst“ noch hinzuzufügen: „Hilfsausschuß des Roten Kreuzes“.

Nun blieb die nicht ganz leichte Aufgabe, das Verhältnis des Nationalen Frauendienstes zum Vaterländischen Frauenverein und zum Roten Kreuz klarzustellen, schwierig besonders in finanzieller Beziehung. Von allen Seiten und Parteien erkannte man an, wie wünschenswert eine Konzentration, ein Aufgehen aller in gemeinsamer Arbeit zu einem bestimmten Zwecke sei.

… wurden sofort durch Zuruf gewählt:

„Frau Wiermann, Frl. Engelbrecht, Frau Faßhauer, Frau Götze, Frau Hamburger, Frau Hebestreit, Frl. Koch, Frau Kricheldorf, Frl. Lerche, Frau Magnus, Frl. Oden, Frl. Oehlmann, Frau Sprengel, Frau Schürmann, Frau Schmidt, Frau Schultz, Frau Wernicke und Frl. Wolters. Durch die Gründung dieses Ausschusses erübrigte sich eine weitere Aussprache über die Fürsorgetätigkeit.

In der ganzen äußerst anregenden Versammlung berührte es wohltuend, dass jeder unter voller Wahrung des Rechts eigener Meinungsäußerung doch bestrebt war, auch dem Andersdenkenden gerecht zu werden und entgegenzukommen.

Es zeigte sich, dass diese schwere Zeit uns ein Großes gegeben hat: „Den guten Willen, Schulter an Schulter zusammenzuarbeiten zum Wohle unseres schwer geprüften Volkes; und wo ein Wille ist, findet sich stets ein Weg.“ Möge diese gemeinsame Arbeit eine gesegnete sein.

*

Der Arbeitsausschuß vom nationalen Frauendienst (Hilfsverein des Roten Kreuzes) hielt am Sonntagmittag seine erste Sitzung ab. Die Zahl der Mitglieder war inzwischen durch Zuwahl von Frl. Dr. med. Breymann, Frau Boden, Frau Retemeyer und Frau Wolf von 18 auf 22 erhöht worden. Es wurde folgende Gliederung beschlossen:

4. Familienfürsorge, das ausgedehnteste Gebiet, wird 10 Frauen übertragen, u.a. Frau Faßhauer.

Beide Artikel Volksfreund-Beilage 20.08.1914

Die Frauenbewegung im Jahre 1914

Frauenfriedenskonferenzen finden statt, Beschlüsse werden gefasst mit dem einheitlichen Ziel, dass die Frauen der verschiedensten Länder das Verlangen äußerten, über den Krieg hinweg internationale Beziehungen zu pflegen, daß sie die Weiterarbeit für den Frieden als die wichtigste Aufgabe der Frauen erklärten, und daß sie die Forderung des Frauenwahlrechts gerade damit begründeten, daß die aus dem Wahlrecht resultierende Macht für die Friedenssache verwandt werden solle.

Das war die Maxime für Minna Faßhauer, auch im Frauenbündnis in Braunschweig tätig zu sein und zu bleiben. Noch arbeitet Minna Faßhauer im „Nationalen Frauendienst“ mit, ließ aber keinen Zweifel an ihrem Friedenswillen aufkommen, indem sie sich an die Seite von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg stellte,  und wurde vom Bürgertum abgestraft:

Von dem guten Willen, der bisher in Braunschweig noch zu spüren war, über alle politischen Unterschiede hinaus die Probleme, die im Krieg für die Frauen auch in Braunschweig entstehen, gemeinsam zu lösen, bleibt im Laufe der nächsten Jahre nichts übrig. Die Notwendigkeit, sich für oder gegen den Krieg zu entscheiden, klärt die politischen Standpunkte.

Stadtverordnetensitzung

vom Donnerstag, den 2. März 1916

„…stellt Genosse Genzen zum Fall Götze folgende Anfrage:

Ist dem Magistrat bekannt, dass die Vorsitzende des Nationalen Frauendienstes, Frau Dr. Götze, eine Arbeiterin, die bei dem Frauendienst auf Aufforderung des Vorstandes des Nationalen Frauendienstes viele Monate unter Hintansetzung der Interessen ihrer Familie und unter großen persönlichen Opfern mitgearbeitet hat, aus parteipolitischen Gründen von der ferneren Tätigkeit im öffentlichen Dienst ausgeschlossen hat?“ …

Letzter Punkt der Debatte:

Anfrage Genzen über den Nationalen Frauendienst.“:

„Stadtv. Genzen. … Er schildert, wie Frau Götze der Genossin Faßhauer einen Brief schrieb, in der sie nicht mehr mit ihr zusammenzuarbeiten erklärte, weil sie nicht auf nationalem Boden stehe.

Stadtrat v. Frankenberg … hat erklärt, die Organisation sei selbständig. … Die Behandlung der Genossin Faßhauer erfordert Korrektur durch den Magistrat. Derartige Vorschriften für Teilnehmer am Nationalen Frauendienst sind unzulässig. Wir ersuchen, dass Remedur geschaffen (Beseitigung, Abschaffung von Missständen; Abhilfe) und dass dem Nationalen Frauendienst energisch auf die Finger geklopft wird.

Stadtrat v. Frankenberg: Der Ausschluß der Genossin Faßhauer sei nicht aus parteipolitischen Gründen erfolgt. … Der Standpunkt der Genossin Faßhauer gegen die Bewilligung der Kriegskredite sei eine Störung des Burgfriedens. (!) Das sei nicht parteipolitisch.

Der Magistrat missbilligt das Verfahren des Nationalen Frauendienstes nicht.

Besprechung wird von der Versammlung nicht zugelassen. (!)

Es liegt ein dringlicher Antrag vor, die Stadt möchte sich mit 500 000 M an der 4. Kriegsanleihe vorbereiten. …“

Volksfreund, 3. März 1916, Seiten 2-4

Nochmals die Verleumdung der Genossin Faßhauer

In den bürgerlichen Blättern wird in der letzten Zeit unsere Genossin Faßhauer in ganz niederträchtiger Weise angegriffen. U. a. wird behauptet, sie sei aus dem nationalen Frauendienst wegen Unterschlagung ausgeschlossen worden usw. Der Zweck dieser Verleumdungen ist für jeden objektiv denkenden Menschen klar, man will hiermit unsere zurzeit die Regierung bildenden Genossen in den Augen der Bevölkerung herabsetzen.

Weshalb die Genossin Faßhauer seinerzeit aus dem nationalen Frauendienst ausgeschlossen wurde, mag folgendes Schreiben, an Gen. Genzen als Vorsitzender des Ortsvereins gerichtet, zeigen. Frau Hedwig Götze, wenn wir nicht irren, die Vorsitzende des Nationalen Frauenvereins, schrieb u.a. wörtlich:

„Nachdem wir in den Zeitungen gelesen hatten, dass Frau Faßhauer sich öffentlich an die Seite derjenigen Ihrer Parteigenossen stellt, die ihre Vaterlandsliebe soweit vergessen konnten, dass sie der Reichsregierung die unbedingt zur Rettung des Landes notwendige Geldbewilligung versagten, können wir sie nicht länger als eine geeignete Persönlichkeit ansehen, die in einer Vereinigung mitarbeitet, die sich Nationaler Frauendienst nennt“ usw. In einem zweiten Schreiben vom 6. Februar 1916 heißt es nochmals zum Schlusse:

Wir stehen nur auf einem nationalen Boden, und da Frau Faßhauer sich durch ihre öffentlichen Auslassungen von diesem entfernt hat, haben wir ihre fernere Mitarbeit im Interesse der Sache abgelehnt.“

Aus diesem Schreiben ersehen die Leser, dass Frau Faßhauer aus politischen Motiven vom nationalen Frauendienst ausgeschlossen wurde. Motive, die die Genossin Faßhauer ehren.

Sie hat rechtzeitig die Gefahren des Weltkrieges erkannt, hat sich durch ihre Mitarbeit mit den bürgerlichen Damen von ihrer politischen Überzeugung, wie so manche andere aus dem Arbeiterstande gewählte Bezirksdame, nicht abbringen lassen. Werden diese Blätter, die die niedrigsten Verleumdungen ausgestreut haben, jetzt der Wahrheit die Ehre geben?

Der Ortsvorstand. I.A.: A. Genzen“

Volksfreund-Beilage 17.12.1918, Seite 2

NACHTRAG:

Zur Arbeit des Verbandes deutscher Frauenvereine im Herzogtum Braunschweig

In einem Schreiben vom 30. September 1917 an die Vorsitzende der bürgerlichen Frauenbewegung im Reich, Gertrud Bäumer, äußert sich die Braunschweiger Vorsitzende Frau Dr. Hedwig Götze wie folgt:

In Braunschweig, sie in Person, sei der Verband gegen das Frauenstimmrecht.

„Meine Erfahrungen mit der hiesigen Sozialdemokratie“ veranlasse sie aber, sich nicht offen zu äußern. Sie fürchte Auseinandersetzungen. Sie wäre aber dankbar, wenn im Reich entsprechend Stellung bezogen würde.

Gertrud Bäumer erwidert mit Schreiben vom 24. Oktober 1917 an Hedwig Götze: Sie drücke ihr Befremden aus über das Ansinnen der Frau Götze, äußere darüber hinaus Kritik daran, dass Braunschweig der Gesamtvorstandssitzung ferngeblieben sei.

Sie sehe darin ein „schweigendes Entziehen von Vorstandsbeschlüssen, die nahezu einstimmig pro Frauenstimmrecht“ gefasst worden seien.

Quelle:

Stadtarchiv Braunschweig, G XI Vereine: 12 : 1-3

Landesverband Braunschweigische Frauenvereine


Minna Faßhauer

5. Gewerkschafterin

Volksfreund, Sonnabend, 8. November 1913:

„Politische Übersicht

Deutschland

Gegen die Arbeitslosenversicherung

In Hannover hat die Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände folgenden Beschluß gefasst:

Die zur Arbeitsnachweiskonferenz in Hannover versammelten Mitglieder der Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände erhebt unter Zustimmung zu den Leitsätzen des Berichterstatters, nach welcher ein Bedürfnis zur Einführung einer Arbeitslosenversicherung und die Voraussetzungen für ihre praktische Durchführbarkeit zu verneinen sind, auf öffentlich-rechtlicher Grundlage und gegen eine Förderung aus Mitteln der Allgemeinheit entschiedenen Widerspruch.

Die Versammlung sieht in der Steigerung der volkswirtschaftlichen Produktionsfähigkeit und damit in der Vermehrung der Arbeitsgelegenheit den wirkungsvollsten Weg zur Einschränkung der Arbeitslosigkeit und ist überzeugt, dass eine Arbeitslosenversicherung auf obiger Grundlage diese Steigerung der Produktivität erheblich erschweren muß.“

Unternehmer und Politik:

Einführung der Arbeitslosenversicherung – einseitige Maßnahme im Interesse der ihnen feindlich gesinnten Kampfgewerkschaften. Man bedauere „aufs lebhafteste“ diese Entwicklung.

Die Position der Unternehmerverbände: Arbeitslosenversicherung gegen den von der Regierung geforderten verbindlichen Arbeitsnachweis. Taktieren und Druck gegen Gewerkschaften aufbauen.

Kommentar im „Volksfreund“:

„Dass diese Burschen um jeden Preis Gegner der Arbeitslosenversicherung sind, ist selbstverständlich. Sie leugnen einfach die Arbeitslosigkeit (…) Aber wer wird mit solchen Leuten logisch diskutieren wollen? Sie protzen einfach auf ihre Macht.“

Die Arbeitslosigkeit sei schließlich von den Unternehmern selbst verschuldet. Soweit der Kommentar des Volksfreund.

Zur Arbeitslosigkeit kam die sich verschlimmernde Lebensmittelknappheit, die Menschen zusätzlich ins Elend stürzte. Der „Apparat“ des Herzogs versuchte mit allen Mitteln alle Formen des beginnenden Widerstandes niederzuhalten.

Minna Faßhauer blieb bei dieser Position nicht stehen. Sie sah das Elend, weil die Menschen auf die Straße gesetzt und in die Arbeitslosigkeit gestürzt wurden. Der Krieg verschlimmerte die Lage. Verankert in den Gewerkschaften ergriff sie die Initiative um dort zu helfen, wo es ihr möglich war, nicht individuell, sondern organisiert.

Beilage zum Volksfreund vom 20. August 1914:

Braunschweiger Nachrichten.

* Die Einrichtung eines zentralen Arbeitsnachweises für das Herzogtum Braunschweig, wie er von der Reichsregierung verlangt wird, wurde am Sonnabendnachmittag im Landtagssaale des Landschaftlichen Gebäudes in einer Versammlung beraten, die im Auftrage der Regierung von Herrn Landsyndikus Klaue einberufen und geleitet wurde. Eingeladen waren die Landwirtschafts-, Handels-, Handwerkskammer, der Innungsausschuß, der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband, der Werkmeisterverein, der Deutsche Technikerverband, die bürgerlichen Frauenvereine, das Gewerkschaftskartell und — der Deutsch-vaterländische Arbeiterverein (!), der sogar mit 2 Mann vertreten war, durch den Reichsverbandssekretär (!) Herrn Brehmer, und durch den Schmied Hahne.

Für den Stadtmagistrat war Herr Stadtrat Wagner erschienen, der den Organisationsplan ausgearbeitet hatte und erläuterte. Der zentrale Arbeitsnachweis muß errichtet werden, wie unsere Leser wissen. Die Reichsregierung verlangt ihn und hat auch dieserhalb mit der Generalkommission der Gewerkschaften eine Aussprache gehabt. Er soll den Arbeitslosen Arbeit vermitteln und wo solche nicht nachgewiesen werden kann, in ständiger Verbindung mit einer Zentrale in Berlin die Arbeitskräfte auf das Reich verteilen helfen. Er soll die freie Beförderung der Arbeitslosen auf der Bahn regeln, wozu wahrscheinlich Beförderungsscheine verausgabt werden. In der hiesigen Zentrale sollen vier Unterabteilungen gebildet werden, je eine für Handel und Industrie, für das Handwerk, die Land- und Forstwirtschaft und für die Haushaltung und sonstige Berufe. Sie soll in dem früher Huchschen Hause, Markthalleneingang am Hagenmarkt, untergebracht werden.

Schon die Zusammensetzung der Versammlung brachte die Eile zum Ausdruck, mit der die Arbeit in Angriff genommen war. Größere Handlungsgehilfenorganisationen und Technikerorganisationen waren zum Beispiel nicht vertreten, den gelben Deutsch-Vaterländischen Arbeiterverein aber, der noch keine 100 Mitglieder zählt, der also als bedeutungslos vollständig hätte ausscheiden müssen, hatte man sogar mit zwei Mann hinzugezogen. Das war wohl eine Folge des ihm leider vollständig fremden Gebietes, das der Herr Landsyndikus mit der Behandlung der Frage betrat. Der zentrale Arbeitsnachweis soll errichtet werden, darüber war man sich allseitig einig.

Nur Herr Kommerzienrat Amme gab eine so dehnbare Erklärung für die Handelskammer ab, dass der Vertreter des Gewerkschaftskartells sich veranlasst sah, ihm offen die Frage vorzulegen, ob der Metallindustriellenverband seinen Arbeitsnachweis in der Zentrale aufgehen lassen wolle oder nicht. Befriedigt hat uns die Erklärung des Herrn Amme durchaus nicht. Denn wenn man etwas ernstlich will, dann auch ohne Verklausulierung.

Der Überwachungsausschuß soll aus 6 Arbeitgebern und 6 Arbeitnehmern, unter dem Vorsitz des Herrn Stadtrat Wagner, bestehen. Die Vertreter der freien Gewerkschaften beanspruchten von den 6 Vertretern der Arbeiter 4, eine gewiß recht bescheidene Forderung, wenn man die Stärke der Organisationen in Betracht zieht.

Aber es setzte erst, so unangenehm es war, ein scharfes Wortgefecht, ehe man den Gewerkschaften das zubilligte. Man wollte absolut einen Vertreter von dem allerschwächsten „Arbeiter“-Verein der Stadt, den Gelben, den Herrn Hahne, in den Ausschuß hinein haben. Die Herren Arbeitgeber, Herr Amme, sowie Herr Eicke von der Handwerkskammer, meinten sogar, bedauerlicherweise, Gewerkschaftlern in ihre ureigensten Angelegenheiten hineinreden zu müssen, als ob die Arbeiter nicht selbst mündig wären.

Sie als Arbeitgeber machten Vorschläge für die Arbeitervertreter, was jedoch von dem Vertreter des Gewerkschaftskartells energisch zurückgewiesen wurde. Selbst Herr Brehmer, der „Vertreter“ der fünf Dutzend „vaterländischen Arbeiter“, brachte eine vollständige Kandidatenliste ein. Es war ihm darum zu tun, das winzigste, und bei der Beratung bedeutungsloseste, überflüssigste Arbeitergrüppchen in den Ausschuß hineinzubringen.

Unsere Genossen müssten keine Ehre im Leibe gehabt haben, wenn sie das zugelassen hätten, so peinlich ihnen selbst die Debatte war, die gar nicht in dem Umfange hätte stattzufinden brauchen, wenn Herr Landsyndikus Klaue etwas besser in den Arbeiterfragen eingeweiht gewesen wäre. Die organisierten Arbeiter sollten wieder einmal, wie auf allen Gebieten, benachteiligt werden, darauf lief der ganze Kampf hinaus, den der Leiter der Verhandlung in seiner Tragweite anscheinend gar nicht richtig erkannt hat.

Herr Klaue hat sicherlich nicht das Unrecht bemerkt, das da wieder einmal an den organisierten Arbeitern verübt werden sollte. Dazu ist er zu wenig mit den Arbeiter- und Organisationsverhältnissen vertraut. Wir können ihm nur raten, die noch nicht 100 deutsch-vaterländischen „Arbeiter“vereinler bei eventuell weiter nötigen Verhandlungen vollständig aus dem Spiele zu lassen. Denn jener Verein wird von keiner anderen Arbeiterorganisation als Arbeitervertretung anerkannt werden.

Setzen wir auch manches aus der Zusammenkunft auf das Konto der Eile, mit der an der Einrichtung des Zentralarbeitsnachweises gearbeitet werden muß, so müssen wir doch verlangen, dass man den Wünschen der organisierten Arbeiter, die in solchen wirtschaftlichen Fragen sachkundig sind, etwas mehr Berücksichtigung, ohne so langen Kampf, entgegenbringt. Der Zurücksetzungsversuche sei es endlich genug, sie dienen dem Ganzen nicht zum Vorteil und – werden auch nicht geduldet werden.

Für den Ausschuß wurden bestimmt:

2 Vertreter des Metallindustriellenverbandes, der auch nicht eingeladen war,

je 1 Vertreter der Landwirtschafts-, der Handels- und der Handwerkskammer und Fräulein Lina Koch von den Frauenvereinen;

von den Arbeitnehmervertretern die Genossin Faßhauer, die Genossen Hammerschmidt, Reinowski und Wesemeier, sowie

Herr Pelka vom Deutschen Technikerverband und

Herr Brettschneider vom Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband.

Die freudige Zustimmung der organisierten Arbeiter zur Schaffung der Arbeitsnachweis-Zentrale ist gegeben worden. Hoffen wir, dass diese neue Wohlfahrtsstelle recht bald eröffnet wird, zum Wohle der gesamten deutschen Volkswirtschaft, für deren möglichstes Gedeihen jetzt alles zusammenzustehen hat.“

Die Mitarbeit Minna Faßhauers im zentralen Arbeitsnachweis geschah vor dem Hintergrund sehr viel weitergehender Forderungen der Arbeiterbewegung:

 

Quelle: Volksfreund, Sonnabend, 7. März 1914, Titelseite

Die fehlende Gewerbeaufsicht

Heute selbstverständlich, aber auch die Gewerbeaufsicht mußte erkämpft werden, wie das folgende Beispiel zeigt, und auch das ging nur organisiert. Aktiv für die Frauen in der Arbeiterschaft und gewerkschaftlich organisiert kann angenommen werden, dass sich Minna Faßhauer hier engagiert hat:

Das zweite Beispiel – zwei Jahre nach der Novemberrevolution, auf die wir noch eingehen werden – spricht für sich.

Braunschweiger Arbeiter-Zeitung vom 7. Dezember 1920, Seite 4:

Arbeitslosen-Versammlung.

„Freitag abend tagte in „Stadt Helmstedt“ eine Versammlung der Arbeitslosen, einberufen von der K.A.P.D. Es waren etwa 50 Arbeitslose erschienen. Der Referent wies darauf hin, dass die Sabotage, die die Unternehmer an der Produktion verüben, die Mürbemachung der Arbeiterschaft bezweckt. Durch Stillegung von Betrieben und Betriebseinschränkungen wollen die Unternehmer den Glauben erwecken, dass ohne Aufhebung des Achtstundentages* die Produktion nicht aufrecht zu erhalten sei. Auch in Braunschweig hat diese Unternehmersabotage eingesetzt.

Die Firma Amme, Giesecke und Konegen arbeitet nur noch an 3 Tagen in der Woche. Man wirft die Arbeiterschaft aufs Pflaster, um ihren Widerstand zu brechen, denn gleichzeitig erhebt man die Forderung der Verlängerung der Arbeitszeit, der Akkordarbeit, der Einschränkung des Streikrechts usw. Wer heute arbeitslos wird, hat die Aussicht, es den ganzen Winter hindurch zu bleiben. Er kann vielleicht Schnee schippen.

Aber dann fehlt ordentliches Schuhwerk usw., und die Folge sind Krankheiten aller Art. Arbeitsmöglichkeiten wären genug da, wenn die Sinnlosigkeit des kapitalistischen Systems ihre Ausführung nicht unmöglich machte. In den Bergwerken von Schöningen könnten noch massenhaft Arbeiter eingestellt werden, aber es sind keine Wohnungen da. Gleichzeitig laufen die Bauarbeiter arbeitslos herum.

Die Arbeiter tragen zerschlissene Kleider. Die Textilarbeiter aber sind ebenfalls arbeitslos. Diese Widersprüche des Kapitalismus, der nur für den Profit, nicht für den Bedarf arbeitet, kann nur der Kommunismus überwinden. Bei der Firma Grimme & Natalis sollen die Arbeiter Überstunden leisten, 9 Stunden arbeiten. Der Referent zweifelt nicht daran, dass die „sozialistische“ Regierung dem stattgeben wird. Nach dem Gesetz kann die Regierung einwilligen, wenn die Arbeiter damit einverstanden sind.

Der Direktor von Grimme & Natalis hat – nachdem die Arbeiterschaft zweimal mit großer Mehrheit die Überschichten abgelehnt hat – einfach erklärt, dann müsse er den Betrieb schließen. In der Diskussion wird die Tatenlosigkeit des Arbeitslosenaus-schusses scharf kritisiert. Auf Vorschlag eines Arbeitslosen beschließt die Versammlung, eine fünfgliedrige Kommission zu wählen, die beim Arbeitslosenausschuß vorstellig wird.

Es soll in den nächsten Tagen eine große Arbeitslosenversammlung stattfinden, die sich endlich einmal über Mittel und Wege zur Linderung der schreienden Not unserer Arbeitslosen klar wird. Wenn Herr Rode sich um das Arbeitslosenelend nicht kümmert, hat er zu verschwinden von seinem Posten. Zu der Freitagversammlung der Arbeitslosen war Herr Rode persönlich eingeladen. Er hat aber erklärt: „Das mag ein schöner Bockmist werden!“ und ist nicht erschienen.

In der weiteren Diskussion geißelt die Genossin Faßhauer den Siedlungsschwindel des Hauptmann Schmude. Wo Millionen von Arbeitslosen herumlungern, schuften diese Siedler bis zum Dunkelwerden nach der Arbeitszeit, um sich ein „eigenes Heim“ zu bauen…Es ist einfach die Verlängerung der Arbeitszeit, die das Kapital zu seiner Existenz gebraucht, die durch den Siedlungsschwindel von hinten herum eingeführt wird.

Gen. Eildermann gab für die K.P.D. die Erklärung ab, dass seine Partei selbstverständlich die weitgehendsten Forderungen der Arbeitslosen unterstütze. Er hätte gewünscht, dass die K.A.P.D. bei der Einberufung der Versammlung mit der K.P.D. Hand in Hand gearbeitet hätte. Im übrigen müssten die Forderungen der Arbeitslosen präziser formuliert werden. Gen. Merges bemerkte, dass das die Aufgabe der nächsten Versammlung sei.“


Minna Faßhauer

4. Schule – Bildung

Einer der kritikwürdigsten Bereiche war für die Braunschweiger Arbeiterbewegung der Bereich Schule. Ihre Kritik war ambivalent: zum einen war die Einbeziehung aller Familienmitglieder in den Erwerbsprozess überlebensnotwendig, zum anderen hatte sie ein elementares Interesse daran, daß ihre Kinder zu aufrechten Sozialisten erzogen werden. Die vorhandene Volksschule leistete das nicht, und das ländliche Leben und die Bedeutung der Dorfschulen darin beschreibt der Bildungshistoriker Uwe Sandfuchs so:

„An Dorfschulen muss ein „Schulmeister“ bis Anfang des 20. Jahrhunderts nicht selten bis zu 150 Schüler unterrichten. Im Herzogtum Braunschweig weist die Schulstatistik von 1907 aus, dass in 11 Gemeinden ein Lehrer mehr als 120 Kinder unterrichtet. Die Schulgebäude sind oftmals in ausgesprochen schlechtem Zustand. Oft sind gar keine Schulräume vorhanden, dann werden sogenannte Wanderschulen gegründet, für die reihum ein Bauer einen Schulraum in seinem Haus zur Verfügung stellen muss. Die „Schulstuben“ sind meist klein, es gibt Berichte über Räume, die 30 qm groß sind, in denen die Schüler eng aneinander gepresst sitzen oder stehen. Da kaum Luft zum Atmen ist, gibt es regelmäßig ohnmächtige Schüler oder Lehrer. Nicht selten schläft der Lehrer ein. So sind die Lehrer froh, dass die Schüler von den Eltern nicht in die Schule geschickt werden und stattdessen in der Landwirtschaft arbeiten. …“

Die größte Kritik der Arbeiter*innen am Schulwesen realisierte sich in der Organisierung eines eigenen Bildungsvereins für jugendliche Arbeiter und Arbeiterinnen, in dem sie  sich Inhalte aneignen, die ihnen die Schule nicht vermitteln. So ergänzen sie selbstorganisiert fehlendes Wissen. Auf den Verein wird an anderer Stelle mehrfach eingegangen.

Die schulischen Erziehungsinhalte griffen tief ins Arbeiter*innenleben ein, und so folgt zwangsläufig, daß sich die Arbeiter*innenorganisationen mit deren Inhalten auseinandersetzten.

Wir gehen davon aus, daß gerade Minna Faßhauer sich um die Lehrinhalte gekümmert und diese kritisiert hat. Durch ihre schulpflichtigen Kinder hat sie unmittelbaren Zugang zu den schulischen Inhalten bekommen, die ihren Kindern vermittelt worden sind.

Die Kritik am Schulwesen ist nicht neu und nicht auf Braunschweig begrenzt:

Bereits im „Braunschweigischen Volksfreund“ vom 27. September 1903 setzt sich der Artikel „Die geistliche Schulaufsicht“ damit auseinander, daß Lehrer gemaßregelt werden: …

In sittlicher und moralischer Hinsicht wirkt die geistliche Schulaufsicht in mancherlei Weise auf die Lehrer schädigend; sie ist die Quelle unsäglichen Elends und Unglücks für Lehrer und auch für Geistliche.“ …

Das sich zuspitzende Thema greift Clara Zetkin auf der Sozialistischen Frauenkonferenz 1904 in Bremen auf (Auszüge):

Wir sind der Ueberzeugung, daß die Schulfrage, die Bildungsfrage von höchster Bedeutung für die proletarische Frauenbewegung ist, daß die Schulfrage im Leben der Millionen von Proletarierinnen, an die unsere Agitation sich wendet, eine hervorragende Rolle spielt. Die Volksschulfrage ist die nationale Erziehungsfrage.“ (Lebhafte Zustimmung) – und zitiert Comenius: „Die Bildung soll Alle, die da Menschen sind, zu Allem befähigen, was menschlich ist.“

Gleichviel ob man heut Hammer oder Ambos ist, der Antheil an der Erziehung geht zurück, weil auch in den besser situirten Klassen der Kampf ums Dasein, rücksichts- und schonungslos entfesselt, den besten Theil der Kräfte der Eltern aufsaugt, sodaß für die Erziehung nur die Brosamen übrig bleiben, die vom Tische fallen. So ist die Volksschulfrage mehr und mehr Erziehungsfrage geworden. Wie liegen nun die Verhältnisse? In unsere Tagen ist die Volksschule Armeleute-Schule“.

Und zu den Inhalten: Kein Gegenstand steht so sehr im Widerspruch mit den elementaren Forderungen der Pädagogik. Der Religionsunterricht fördert das Denken nicht und regt es nicht an, sondern ertödtet es, weil an Stelle des Suchens und Forschens der Glaube an das Wort gestellt wird, weil das Gedächtniß mit todtem Ballast beschwert und die Lust am Lernen dadurch verkümmert wird. Die alten Regulative verlangen 180 Bibelsprüche. Man hat sich jetzt dahin geeinigt, ‘nur‘ 110 Sprüche aus dem Neuen und 20 bis 40 aus dem Alten Testament nebst 20 Gesangbuchversen lernen zu lassen. Darum rechtfertigt sich schon vom pädagogischen Geschichtspunkte die Forderung: Heraus mit der Religion aus der Volksschule!“

Das setzt sich die folgenden Jahre fort, wird politischer: „Der Kapitalismus braucht für die großen Proletariermassen, die er ausbeutet, nur ein gewisses Maß von Elementarkenntnissen – Bildung wäre hier ein zu schönes Wort“…

Die Ergebnisse der 5. Frauenkonferenz 1908 in Nürnberg, die unter der Leitung von Clara Zetkin und Luise Zietz stand, bewegen auch die Braunschweiger Arbeiterschaft: Clara Zetkins  über die Jugendbewegung, aber vor allem Käthe Dunckers Vortrag über „Die sozialistische Erziehung im Hause“ finden Beachtung:

Was heißt Erziehung?“ „Wie weit geht die Wirksamkeit?“ „Die häusliche Erziehung, der Familienkreis, bildet ja nur einen Teil der Einwirkungssphäre, des sogenannten Milieus…“ wird dort diskutiert und „…Wir brauchen Menschen mit klarem, folgerichtigem, klassenbewußtem Denken, mit starkem Gerechtigkeitsgefühl und sozialem Empfinden, mit festem Willen und solidarischem Handeln…“, die den „hohen Wert der menschlichen Arbeit“ schätzt, denn „…aus diesem Bewußtsein wächst der Stolz und die Würde des Arbeiters…“

So schreibt der „Volksfreund“, der über konkrete Schulforderungen berichtet, die von den Frauen und Männern der Arbeiterschaft formuliert und öffentlich gemacht wurden.  Im herzoglichen Konsistorium, bei Adel und Kirche stoßen diese Forderungen aber auf taube Ohren.

Nichts hilft…bis die Arbeiter*innenschaft zum erprobten Mittel greift: sie macht ihren Zorn öffentlich.

31. Januar 1913:

Und am 4. Februar 1913:

Die Arbeiter*innen sprechen nun vom „Vorabend der endgültigen Schulverpfaffung“ (Volksfreund 14. März 1913)

Das setzt sich so und ähnlich fort bis 1918. In diesen Jahren konkretisiert die Braunschweiger Arbeiterschaft ihre Vorstellungen über Form und Inhalt eines sozialistischen Schulwesens im Sinne einer humanistischen Erziehung.

Um die Schulbücher, zumal die Deutsch- und Geschichtsbücher, gab es zwischen Regierung und Opposition immer wieder heftige Auseinandersetzungen, zumeist ausgetragen zwischen der bürgerlichen „Braunschweigischen Landeszeitung“, (21.04.1929) und dem „Volksfreund“ (18.04.1929).

Minna Fasshauer wurde 1918 Volkskommissarin für Volksbildung. Sie war eine kluge und tatkräftige Frau, die der bürgerliche Staat vor 1918 um eine angemessene Schulbildung betrogen hatte. Dafür nannte sie das Bildungsbürgertum nun verächtlich „Waschfrau“. Als solche stellt sie auch der Karikaturist der „Braunschweigischen Landeszeitung“ (BLZ) dar.

Am 21. November 1918 schafft sie die kirchliche Schulaufsicht ab. Damit befreite sie die Schulen von der Oberhoheit und Weisungsbefugnis der Kirche. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte jeder Dorfpfarrer das Recht, nach Gutdünken in die Belange der Schule einzugreifen. Das ging so weit, dass die Lehrpläne den Forderungen der Kirche entsprechend geändert werden konnten. Viele Schulfachleute sind Minna Faßhauer deshalb bis auf den heutigen Tag dafür dankbar.

Außerdem ordnet das Volkskommissariat für Volksbildung für sämtliche Schulen in der Sozialistischen Republik Braunschweig an:

  1. „Der Geschichtsunterricht darf fortan nicht mehr der Völkerverhetzung und Fürstenverherrlichung dienen. Die Kriegsgeschichte, die bisher übermäßigen Raum einnahm, muß der Kulturgeschichte den Vorrang lassen. Alle tendenziösen und falschen Belehrungen über den Weltkrieg und seine Entstehung sind zu unterlassen.
  2. Aus den Schulbüchereien sind alle Bücher, welche der Kriegs- und Fürstenverherrlichung dienen, zu entfernen.
  3. Die Lehrkräfte haben sich aller entstellenden Betrachtungen und Äußerungen über die Ursachen, den Verlauf und die Folgen der Revolution und die Zusammensetzung der gegenwärtigen Regierung, welche geeignet sind, die revolutionären Errungenschaften herabzusetzen, zu enthalten.
  4. Alle Lehrpersonen haben im Verkehr mit der Schuljugend alles zu unterlassen, was Stimmung machen könnte für die Herbeiführung einer Gegenrevolution, um nicht die Gefahren eines Bürgerkrieges mit seinem unabsehbaren Elend heraufzubeschwören.

   Braunschweig, den 16. November 1918

  Das Volkskommissariat für Volksbildung.“

Bedenken wir die Zeit, in der die Kirche eine der tragenden Säulen des Systems war verwundert es nicht, daß die Kirche die Mitarbeit in der neuen Volksschulkommission ablehnt. Stattdessen wird Minna Fasshauer auch von dieser Seite als „Flaschenspülerin“ und „Kinoplatzanweiserin“ beschimpft.

Minna Faßhauer setzt die Religionsmündigkeit auf 14 Jahre herab. Die bis dahin gültige Prozedur führt der Abgeordnete Retemeyer in der 14. Sitzung der Braunschweigischen Landesversammlung vom 18. März 1919 aus. Er sagt u.a.:

In diesem Gesetz ist vorgeschrieben, dass, wenn jemand aus dieser Religionsgemeinschaft, (…) ausscheiden will, er sich zunächst an seinen Seelsorger zu wenden und ihm seine Absicht mitzuteilen hat. Er hat dann eine Frist von vier Wochen zu warten und muß nach vier Wochen wieder hingehen und sagen, ich bin auch jetzt bereit, aus der Kirche auszutreten. Erst dann kann er von dem Geistlichen eine Bescheinigung über seine Absicht, aus der Kirche auszutreten, bekommen und mit dieser Bescheinigung geht er dann zum Amtsgericht und erklärt zu Protokoll des Amtsgerichtes, ich trete aus der und der Kirche aus. Diese Erklärung konnte bisher nur ein Volljähriger abgeben. Das soll jetzt dahin geändert werden, dass der Austritt aus (…) den Kirchengemeinden jedem Landeseinwohner gestattet sein soll, der das 14. Lebensjahr vollendet hat. (…) aber schließlich hat man das Bedenken fallen lassen, weil es schon jetzt gemeines Kirchenrecht ist, dass mit vollendetem 14. Lebensjahre der einzelne über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Glaubensbekenntnis entscheiden kann.“

Darüber hinaus engagiert sie sich für die Einrichtung von Volkskindergärten und Volksschulen und tritt für eine weltliche Einheitsschule ein:

„Bekanntmachung

Das Volkskommissariat für Volksbildung richtet an alle städtischen Verwaltungen und Schulvorstände das dringliche Ersuchen, durch einen möglichst weitgehenden  Ausbau der Kinderhorte  dafür zu sorgen, daß denjenigen Kindern, denen die nötige häusliche Aufsicht und Unterstützung fehlt, beides durch die Horte zuteil wird.

   Ferner weist das Volkskommissariat darauf hin, daß auch für die vorschulpflichtige Jugend der arbeitenden Klassen durch die Begründung von Volkskindergärten  gesorgt werden muß, damit sie beim Eintritt in die  allgemeine Volksschule, deren Begründung in Aussicht genommen ist, möglichst nicht hinter den Kindern der anderen Volkskreise an Sprachfertigkeit und Reichhaltigkeit ihres Vorstellungslebens zurückbleiben.

   Das Volkskommissariat für Volksbildung wird demnächst allgemeine Richtlinien für die Begründung und den Ausbau der Horte und Kindergärten herausgeben.

Braunschweig, 21. November 1918.

Das Volkskommissariat für Volksbildung.“

Einer mündlichen Überlieferung zufolge soll Minna Fasshauer energisch und selbstbewusst in einer Landtagsdebatte zur Bildungspolitik eine Rede in breitem braunschweigischem Slang mit folgenden Worten geschlossen haben: „… Und wenn Ihr damit einverstanden seid, dann folgt mich man!“

Eine andere Auslegung besagt, daß Minna Faßhauer das Zitat in den Mund gelegt wurde um sie herabzusetzen.

Belegt ist jedoch, dass diese Gesetzeswerke das Schulwesen nicht nur in ihrer Zeit revolutionierten, sondern  ihre Wirkung bis heute entfalten.

Die folgende Meldung läßt erahnen, daß Minna Faßhauer die Verpflichtungen ihres Amtes nicht nur auf die Stadt beschränkte, sondern unverzüglich die Einrichtungen im Land Braunschweig besuchte, die in ihre Zuständigkeit fielen.  Die Volkskommissarin besuchte Ende 1918/Januar 1919  die Neuerkeröder Anstalten. In einer Presseerklärung des Volkskommissariats, veröffentlicht im Braunschweiger Volksfreund vom 12.2.1919, wird die Praxis der kirchlichen Anstaltsleitung bestätigt: „Mit Befriedigung konnte festgestellt werden, dass die in vielen Fällen außerordentlich schwere und mühsame Fürsorge für die in kleineren Gruppen untergebrachten rund 400 jungen und alten Zöglinge in guten Händen liegt.“ Erwähnt wird auch, daß Minna Fasshauer durch die Abschaffung der geistlichen Schulaufsicht den Unmut der Pfarrerschaft hervorgerufen habe.

 


Minna Faßhauer

3. Kinderschutz und Kinderfreizeit

Die Fürsorgetätigkeit der Herrschenden…

Bereits seit 1901 fanden im Lechlumer Holz Waldspiele statt, an denen bis 1903 zwischen 250 und 400 Kindern teilnahmen. Die Initiative vom Braunschweiger Turninspektor, Professoren, Ärzten, Regierungsassistenten, kurz Persönlichkeiten des gehobenen Braunschweiger Bildungsbürgertums unterstützt. Spenden kamen in erster Linie von der Bank Oppenheimer & Sohn, Dankwardstraße. Milch wurde von der Braunschweiger Molkerei gespendet.

1903 brach eine Typhusepidemie mit Todesfällen unter den Kindern aus. Wie sich herausstellte, war die Ursache die Milch selbst und der Umgang mit ihr:

Die gespendete Milch, der jeglicher Fettgehalt entzogen worden war, diente zu der Zeit als Viehfutter. Die Kübel wurden von der Molkerei ohne Deckel im Wald abgestellt. Der Inhalt erwärmte sich im Laufe des Tages bei heißen Sommertemperaturen. Die Kinder schöpften mit Tassen, Dosen und anderem Geschirr direkt aus dem Kübel, die ansonsten auf dem Waldboden standen. Die Keime konnten sich ungehindert entwickeln.

und die Antwort der Arbeiterinnen

Die Beschlüsse, die die Frauenkonferenz der Sozialdemokratischen Partei in Nürnberg 1908 zum Schutz der Kinder fasste, sind als Antwort der sich verschlechternden Verhältnisse zu sehen. Der Wert der häuslichen Erziehung für die Entwicklung des Kindes wurde zwar als wichtig erachtet, aber angesichts der Not, die die Frauen mit ihren Kindern in den Erwerbsprozess zwang, als nicht ausreichend bewertet.

Den vorab gegebenen „Bericht der Vertrauensperson der Genossinnen Deutschlands für die Zeit vom August 1907 bis Ende Juli 1908“ verfasste Luise Zietz. Der Volksfreund zitiert vom 3. – 5. September 1908 daraus, dass der Kampf ums Frauenwahlrecht 1907 Priorität hatte, aber es wird auch bereits deutlich, was mit diesem Recht verknüpft wird:

Zwei () Anträge, denen der Parteitag seine Zustimmung gab, forderten unsere Genossen in den Gemeindevertretungen auf, unverzüglich die Errichtung von Kinderkrippen und Kindergärten durch die Kommune zu beantragen. Den Genossinnen wurde eine eifrige Propaganda für diese Forderungen zur Pflicht gemacht.“

Weiter wurde gefordert

  • Verbot der Kinderarbeit
  • Nachtarbeitsverbot für Frauen
  • Organisation von Kinderfreizeiten.

Weitere Anträge an anderer Stelle. Diese Beschlüsse waren für Minna Faßhauer Auftrag. Zu ihrer Arbeit für die Umsetzung des Reichsvereinsgesetzes und jahrelang alles beherrschenden Agitation für das Frauenwahlrecht kam nun die Organisierung der Kinderfreizeiten, der Kampf für Kinderschutz und seine Durchsetzung hinzu.

Bedingungen in Braunschweig

Nachdem 1906 Prinz Albrecht gestorben war, entschied sich der Regentschaftsrat dafür, Albert Otto die Regierung zu übertragen. Dieser drosselte zu Lasten der Arbeiterschaft die Verschuldung des Staates Braunschweig und siedelte bedeutende Industrie an.

Der „Volksfreund“ am 20. März 1909:

Das Elend der Jute-Sklaven in Vechelde.

… In Braunschweig wird das Familienleben unter dem Schutze der Behörden von den Kapitalisten am meisten der Gefahr der Zerstörung ausgesetzt; die Frauenarbeit ist bei uns am längsten mit ausgedehnt. (…) Der Arbeiterschutz, der im ‚Ordnungsstaate’ …mit am schlechtesten in ganz Deutschland …

In politischer Beziehung sind die Arbeiter bei uns genau so rechtlos wie ein Pflasterstein. In vereinsrechtlicher Beziehung standen die Braunschweiger Arbeiter bis zum Erlaß des Reichsvereinsgesetzes nächst Mecklenburg am schlechtesten in Deutschland da ….“

… „Wie ungeheuerlich gegen das Menschenrecht, gegen die einfachsten Regeln der Sittlichkeit in der unmittelbaren Nähe der Residenzstadt Braunschweig verstoßen wird … Exkursion in das benachbarte Vechelde, das eine der Goldgruben für die reichen Aktionäre der Jute- und Flachsspinnerei in sich birgt. … Mitleid mit den armen Menschen, die … an den Jutebetrieb gefesselt worden sind, ohne dass auch nur die allergeringsten Ansprüche erfüllt sind, die an die Unterbringung der etwa 450 bis 500 Arbeiterinnen und Arbeiter für ihre freie Zeit gestellt werden müssen.“

„Unter ortskundiger Leitung“ betreten die Besucher ein Hinterhaus und ein Zimmer, „3 Meter breit, 4 Meter lang und 2,60 Meter hoch. Die schmutzigen Wände sind zum großen Teil klatschnaß“. Möbliert ist der Raum mit zwei primitiven Bettstellen und einer kleinen Wiege, in denen sich „kurz und klein gelagertes feuchtes Stroh befindet. – 8, acht Menschen, lebende Menschen wohnen und schlafen in dieser Höhle.“ Das Zimmer teilen sich ein alter Mann und ein Ehepaar mit vier Kindern: ein 18jähriger Sohn, die übrigen Kinder 7 bis 2 Jahre alt sowie ein 18jähriges Mädchen als Logisgängerin der Familie. Alle schlafen in den dicht nebeneinander stehenden beiden einzigen „Betten“. Für dieses leere Zimmer müssen jede Woche 4 M Miete bezahlt werden. „Wir waren entsetzt und glaubten, dass diese ‚Wohnung’ nur eine Ausnahme sei. Wir sollten bitter enttäuscht werden.“

Familien … mit Kleinkindern und Kindern, 14, 15 Jahre alt, und Untermietern, die alle in der Jutefabrik arbeiten, leben … auch in Kellern, in denen das Wasser auf dem Boden steht und an deren Wänden durch die Feuchtigkeit der Schimmelpilz blüht, vielfach ohne Licht- und Luftzufuhr. Babys werden in Pflege gegeben, Kinder ab vier Jahren werden den ganzen Tag sich selbst überlassen.

Wer mag da wohl der Zerstörer des Familienlebens sein?“

Verhältnisse, die auch in Braunschweig anzutreffen waren. Am 2. Juni 1909 schreibt der „Volksfreund“ „Die Arbeiterfeinde in ihrer Tätigkeit“, daß die bürgerliche Stadtverordnetenmehrheit nicht das geringste Verständnis für die Not der Arbeiter besitze, denn sie habe abgelehnt, 3000 Mark für die Speisung hungernder Kinder zu bewilligen. „Was gehen uns die Arbeiter an, wir wollen nicht, dass sie aus den Hungerverhältnissen herauskommen.

Das ist der Grundsatz der bürgerlichen Stadtverordneten, auch der der 3. Klasse.“

Folgerichtig klagt der Volksfreund am 31. Dezember 1912 an:

„… Heute fehlt es den Kindern an …: genügend Nahrung, Licht, Luft, Sonne. Sie wachsen in krankmachenden Bedingungen auf. Schulärzte berichten:

436 Kinder sind unterernährt und blutarm
248 Kinder haben Skrofulose
24 Kinder haben die Proletarierkrankheit Tuberkulose schon voll entwickelt
97 Kinder haben Herzleiden
277 haben schlechte Haltung und Rückgratsverkrümmung
207 Kinder haben Ungeziefer
Eine erhebliche Anzahl haben Störungen des Seh- und Hörvermögens.

Jedes dieser unglücklichen Kinder ein Ankläger gegen die heutige Weltordnung.“

„Die Fürsorgetätigkeit oblag den Schulärzten, die kranken … Kindern mit ihren Eltern eine hausärztliche Behandlung empfahlen. 112 Kinder befanden sich „in so elender Lage, dass sie nicht einmal die Arztkosten für ihre Lieblinge erschwingen konnten. …

Wieviel von den Kindern in den Genuß … eines Aufenthaltes an der See kamen, wird nicht berichtet. … Sobald sie wieder in die alten, krankmachenden Verhältnisse, die elenden Wohnungen, zu den darbenden Eltern zurück müssen, sind nach kurzer Zeit die Erfolge der Kur wieder zunichte. Die vielgerühmte Fürsorgetätigkeit unserer Herrschenden bedeutet gegenüber der Unsumme von vorhandenem Elend nichts weiter, als ein Tropfen Wasser auf einen heißen Stein.“

Auch diesen Missstand tragen die Arbeiter*innen am 2. Mai 1913 an die Öffentlichkeit:

Der „Volksfreund“ am 25. Juni 1914:

An die Arbeiterkinder Braunschweigs.

Die Schulferien stehen vor der Tür. Damit ihr auch in diesem Jahre wieder alle miteinander fröhliche Ferien verleben könnt, haben die Arbeitervereine beschlossen, wiederum … Ferienausflüge zu veranstalten. … die Kinderschutzkommission mitsamt dem Bildungsausschuß ist beauftragt, alle Vorarbeiten zu erledigen, … damit wir wieder in jeder Woche zweimal, vielleicht auch gar dreimal einen schönen Ausflug machen und dann … recht lustig im Walde spielen können.“

Die Erinnerungen von Franz Kahmann, einem der teilnehmenden Jugendlichen wurden festgehalten:

In der Sozialistischen Jugend gestaltete Minna Faßhauer auch in den Kriegsjahren Ferienspiele für Arbeiterkinder und unternahm mit ihnen Sonntagswanderungen ins Grüne, organisierte Feste und Spiele im Wald. Auch Weihnachtsfeiern für die Jugendlichen gehörten dazu.

„Unvergessen: Eine Elm-Wanderung. Ein ganzer Tag bei Mutter Natur. Birkengrün und Saatengrün genossen sie. Hunderte Teilnehmer kamen. Ihre Marschverpflegung bestand aus einem Beutel mit Pellkartoffeln. Diszipliniert und mit revolutionären Liedern marschierten sie durch die reichen Bauerndörfer. Minna immer an der Spitze.“

Karl Schlimme, Erinnerungen: Franz Kahmann erzog eine ganze Generation, „Rotfuchs“ Oktober 2007

Der „Volksfreund“ stellt am 25. Juni 1914 die 17 Verantwortlichen zur Durchführung der Kinderfreizeit vor, zu der Minna Faßhauer zählt:

H. Hartung, Gewerkschaftshaus, Werder
L. Schlösser, Beckenwerkerstraße
J. Jensen, Konsum-Verkaufsstelle, Gördelingerstr. 41
Th. Hesse, Echternstraße 4
H. Schütte, Konsum-Verkaufsstelle, Schöppenstedterstr.
H. Gelpke, Konsum-Verkaufsstelle, Nordstraße
Frau Kesselhut, Karl Schmidtstraße 5, III
A. Rieter, Gliesmaroderstraße 80, part.
Frau Menge, Comeniusstraße 8, II
Frau Wedemeyer, Marienstraße 19, III
Schünemann, Konsum-Verkaufsst., Kastanienallee 76
C. Schulze, Reuterstraße 2, l
F. Ohlendorf, Konsum-Verkaufsstelle, Gertrudenstraße 27
Wagner, Büffetier im Konzerthaus, Salzdahlumerstr.
Frau Faßhauer, Weststr. 12, I
Frau Geißler, Jahnstraße 19, III
D. Plätzmann, Konsum-Verkaufsstelle, Altstadtring 30

Den Wert der Kinderfreizeiten beschreibt der Volksfreund am 2.Juli 1914: die Ferienfreizeit sei „Ein Stück Kulturarbeit“, die in vielen deutschen Städten durchgeführt und dass für die Verpflegung und Spielgeräte unter der Arbeiterschaft gesammelt wird: Mainz spendet 60 Mark, Braunschweig 6 350 Mark. Dies sei die Gewähr für fröhliche Stunden der Kinder in den Wäldern rings um Braunschweig.

Die „Kinderfreundlichkeit“ der „Offiziellen“ im Herzogtum entlarvt der Volksfreund am 18. Juli 1914:

Der verbotene Wald

(…) Im Herzogtum Braunschweig … darf man nicht einmal … frei in den Wäldern spielen … Wie mancher Dichter hat nicht schon von dem freien Wald gesungen … Er wusste ja auch, dass der Wald dem Bischof und dem König gehört, aber er konnte … frei im freien Walde träumen, weil ihm kein Büttel, kein Scherge, kein Werkzeug der Unfreiheit … nachschlich.

Zerreißt eure Märchenbücher, die euch vom freien Walde erzählen, ihr Kinder, und werft sie euren Lehrern als Lügen ins Angesicht. Zischt sie aus, die Ärzte, die euch die Waldluft als bestes Heilmittel für eure blassen Kinder preisen, ihr braunschweigischen Arbeiterfrauen!

Sagt den Ärzten, dass ihr kein Geld habt, um eure Kinder in den freien Wald der Schweiz oder Nordamerikas zu schicken und dass ihr von den schönen Wäldern in Braunschweigs Umgebung keinen Nutzen für eure Kinder habt, weil die braunschweigische Regierung, diese fleischgewordene Volksfeindlichkeit, in ihrem Hasse gegen die aufgeklärte Arbeiterschaft jetzt schon so weit geht, dass sie den Arbeiterkindern den Aufenthalt im Walde verbietet … den Ferienausflügen der Arbeiterkinder ist der Wald verschlossen worden … durch Regierungsverordnung.

In den engen, alten, luftlosen Straßen, unter niedrigen Decken, in muffigen Winkeln und winzigen Stübchen wachsen die Braunschweiger Arbeiterkinder auf. Selbst in den neueren Straßen … atmen sie nur den gesundheitsschädlichen Staub, über den eine knickerige, unfähige und eigensinnige Stadtverwaltung nicht Herr werden kann, oder sie schlucken den Müll, der durch eine skandalös rückständige Müllabfuhr in wahren Gewitterwolken über die Straßen ausgegossen wird. Es gibt speziell braunschweigische Krankheiten, die in dieser Nachlässigkeit ihre Ursache haben.

In keiner anderen Stadt ist die Mittelohrentzündung, die durch Verstaubung der Schleimhäute des Rachens entsteht, so grauenerregend verbreitet, wie in Braunschweig. Halskrankheiten und namentlich auch Diphterie heischen Massenopfer. Die Lungenschwindsucht geht als Würgengel um. Die Rachitis füllt die Schulbänke mit verkrüppeltem Nachwuchs.“

Fotos: „Werkbank, Waschtag, Schrebergarten“ Heidi Lang und Hans Stallmach, Steinweg Verlag 1990

„Nun kommen die Sommerferien. Da sind nun die Männer und Frauen der modernen Arbeiterbewegung auf den Gedanken gekommen, die Arbeiterkinder … ins Freie zu führen und Ferienausflüge zu veranstalten …

Eigentlich sollte es in einem modernen Kulturstaate ganz selbstverständlich sein, dass die Kinder ungefragt in den Wald ziehen, dort frische Waldluft schöpfen und sich durch harmlose Spiele in der guten Luft erholen, kräftigen und unterhalten dürfen. Im Polizeistaate Braunschweig dagegen verlangt man, wie zum Beerenpflücken, auch zum Waldbesuch allein schon eine behördliche Erlaubnis. Dieses Verlangen ist … eine schier unerträgliche Schikanierung, nur ersonnen, um der Arbeiterbewegung selbst da, wo sie mit Politik gar nichts zu tun hat, Steine in den Weg zu werfen. Aber wir wollten den Kindern die Freude nicht verderben und haben deshalb um Erlaubnis nachgesucht. Darauf ging unserem Genossen Brenner folgendes Schreiben zu:

Es ist die braunschweigische Regierung, die den Arbeiterkindern den Wald verbietet.

Genesungsheime und Tuberkuloseheilanstalten muß sie auf Grund der Reichsgesetze unterhalten, damit die Invalidenrenten nicht zu sehr anwachsen; aber wo sie das Reich nicht über sich hat, da setzt sie sich der Volksgesundheit mit allen Machtmitteln entgegen.

Sie sperrt den Arbeiterkindern den Wald, wie sie den aus Versammlungen heimkehrenden Arbeitern die Straßen sperrt. Wie passt doch zu dieser Waldsperre so hübsch der Volksjubel beim Einzuge des Herzogs und der Taufe des Erbprinzen! … Wie rührend waren doch die Mären von den Affen und Eulen, die die Herzogin im Eulenspiegelhause eingekauft und unter arme Kinder verteilt habe. Die Mären waren erlogen.

… Todfeindschaft diesem System und auch Todfeindschaft dem glänzenden Schilde, hinter dem es sich verbirgt! Sie ist wieder im besten Begriffe, sich unsäglich verhasst zu machen. Und an die glücklichen Zeiten, die der neue Herzog bringen sollte, glaubt kein Mensch mehr. Nicht er regiert, sondern die Vetternschaft der Volksfeinde.“

Quelle: Volksfreund, 18. Juli 1914

Volksfreund vom 23. Juli 1914:

Die Regierung bläst zum Rückzug

… Nach mehrmaliger reiflicher Prüfung aller in Frage kommenden Umstände habe die vorgesetzte Behörde entschieden, dass die Kinderspiele im Walde zu gestatten seien. … Mit der Aufhebung des Verbots der Kinderspiele im Walde soll eine grenzenlos aufhetzende Maßnahme wieder gut gemacht werden, die unsere Regierung wieder einmal in ihrer wahren Größe zeigt. S o l l gut gemacht werden. Sie wird nicht gutgemacht. Denn die Tatsache bleibt bestehen, dass ein solches Verbot erfolgt ist, … dass Sozialdemokraten sich der armen Kinder annahmen. … Dass sie damit absolut keinen Erfolg haben, treibt diese Herren zu immer heftigeren Hetzereien. … Nur weiter so.

Unsere Feinde arbeiten gut  f ü r  u n s, … Uns konnte kein besseres Agitationsmittel geboten werden, als das unerhörte, von uns gewiß nicht gewünschte Verbot der Kinderspiele im Walde.

Beilage zum Volksfreund vom 21. Mai 1915 in der Rubrik Braunschweiger Nachrichten:

Die Kinderschutzkommission.

Die SPD-Frauenkonferenz 1908 in Nürnberg hatte Wirkung gezeigt: Beschlüsse der Parteitage und Gewerkschaftskongresse machten es den Genoss*innen zur Pflicht, den Schutz der Kinder vor ungesetzlicher Ausbeutung, Verwahrlosung und Mißhandlung voranzutreiben.

Die Braunschweiger Arbeiterschaft hat … eine Kinderschutzkommission gewählt, deren Vorsitzender … unser leider gefallener Genosse Brenner war, der sich mit großer Hingabe der schönen Aufgabe … widmete. …

Durch den Krieg ist die Lust zur Ausbeutung der Kinder eine noch größere geworden und wird das Bestreben, die Kinder zur Arbeit heranzuziehen, nach dem Kriege noch stärker hervortreten. Es muß deshalb jetzt schon angefangen werden, die Genossen und Genossinnen über die gesetzlichen Bestimmungen des Kinderschutzes aufzuklären. Bekanntlich dürfen in Deutschland von einem gewissen Alter an sowohl eigene als fremde Kinder beschäftigt werden. In welchem Umfange eine solche Beschäftigung zulässig ist, wird von Zeit zu Zeit die Kommission an dieser Stelle veröffentlichen.

Wo irgendwo ein Kind verwahrlost, misshandelt oder in ungesetzlicher Weise zur Arbeit herangezogen wird, möge man es den hier folgenden Mitgliedern der Kinderschutzkommission melden, die versuchen werden, das Los der armen Kinder erträglicher zu gestalten.

Die Kinderschutzkommission:

  • Hedwig Steinbrecher, Korfesstr. 22, II, Vorsitzende.
  • Josef Schächtl, Münzstraße 9, Kassierer.
  • Anna Broßwitz, Helenenstraße 13.
  • Minna Faßhauer, Weststraße 19.
  • Hulda Graf, Schlossstrasse 8, I, Eingang Oelschlägern.
  • Anna Kesselhut, Karl Schmidtstraße 5, III.
  • Helene Matz, Juliusstraße 24 a, III.
  • Anna Menge, Comeniusstraße 8, III.
  • Frau Schlimme, Reichsstraße 18a.
  • Berta Schlösser, Wörthstraße 5, p.
  • Marie Wedekind, Mönchstraße 13, p.“

Bis jetzt wissen wir, daß Minna Faßhauer unter illegalen Bedingungen für das Reichsvereinsgesetz tätig war, damit Frauen sich politisch organisieren dürfen, daß sie im Wahlrechtskampf für die Frauen und in der Kinderschutzkommission für die Kinder aktiv war.

Ein weiteres Problemfeld konnte Minna Faßhauer erst aufgreifen, nachdem sie 1918 Volkskommissarin für Volksbildung geworden war:

Das „Wilhelmstift“

In Bevern nahe Holzminden, das 1918 zum Herzogtum Braunschweig gehörte, steht ein Schloss, das eine Erziehungs- und Besserungsanstalt für „elternlose Kinder“ beherbergte: das „Wilhelmstift“ (sh. wikipedia).

Bereits am 18. November 1918 veröffentlichte das Volkskommissariat für Volksbildung zwei Bekanntmachungen zum Wilhelmstift. In der ersten weist „das Volkskommissariat für Volksbildung weist darauf hin, daß Anträge mit eingehender Begründung auf Entlassung von Zöglingen des „Wilhelmstiftes“ in Bevern an das genannte Kommissariat zu richten sind mit der Aufschrift: „In Sachen ‚Wilhelmstift‘…“

Und zweitens:

„Bekanntmachung

 Auf zahlreiche Anfragen weisen wir darauf hin, daß in Kürze ein Jugendgerichtshof, dem Beisitzer aus den Kreisen der Elternschaft und der Jugenderzieher angehören, eingerichtet werden wird, der die Akten über sämtliche Kinder, die dem „Wilhelmstift“ in Bevern jetzt angehören, alsbald einer sofortigen Nachprüfung unterziehen und erneut feststellen wird, welche Zöglinge noch fernhin in der Anstalt zu verbleiben haben.

                                                                                                Braunschweig, 18. November 1918

                                                                               Das Volkskommissariat für Volksbildung.“

 (Quelle: Nds. Staatsarchiv Wolfenbüttel, 12 A Neu Fb. 5 Nr. 708)

Bereits zehn Tage nach Beginn der Revolution, am 18. November 1918 ging das Volkskommissariat für Volksbildung daran, zu prüfen, ob die Verbringung der Kinder in diese Anstalt berechtigt ist. In der Braunschweigischen Landeszeitung erscheint am 19. November 1918 diese Meldung:

“ Eine Vorlage betr. Schaffung eines Jugendgerichtshofes wurde einer Kommission zur Vorberatung überwiesen. Der Präsident teilte mit, daß der Arbeiter- und Soldatenrat in Holzminden sämtliche Fürsorgezöglinge entlassen hat. Es sollen dort haarsträubende Zustände geherrscht haben, wegen deren die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen würden.“

Der schlechte Ruf des Wilhelmstiftes in der Arbeiterschaft, der auch Minna Faßhauer bekannt war, die fragwürdigen Gründe für die Internierung der Kinder, werden eindrücklich bestätigt. Mit Hilfe des Holzmindener Arbeiter- und Soldatenrates konnten die Kinder  befreit werden.

Der Braunschweiger Historiker Hans-Ulrich Ludewig schreibt: „Dass ein frischer Geist in der Schulbehörde wehte, zeigten die Vorgänge um das ‚Wilhelmstift‘ in Bevern bei Holzminden, einem Heim für schwer erziehbare Kinder. Dort herrschten katastrophale Zustände; körperliche Gewalt, Strafaktionen waren an der Tagesordnung. Die beiden Volkskommissare, Minna Faßhauer und Kautz, verschafften sich vor Ort einen persönlichen Eindruck. Wenig später wurde der Leiter der Anstalt abgelöst.“ Hans-Ulrich Ludewig: „160 TAGE WEHT DIE ROTE FAHNE“, Die Revolution in Braunschweig 1918/1919, Verlag Appelhans, Braunschweig, 2020, Seite 67.

Minna Faßhauer hat dieses Problem zeitgleich mit der Schulfrage bereits eine Woche nach Amtsantritt angepackt. Aus gutem Grund:

Das Ergebnis der „Erziehung“ in der „Besserungsanstalt“ Wilhelmstift in Bevern Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts ist in einem „Fallbeispiel“ festgehalten worden. Es legt gleichzeitig die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und den Stellenwert der Frauen in der Gesellschaft offen. Mit großer Klarheit zeigt der Bericht die Unmöglichkeit, sich als Einzelne aus den Verhältnissen zu befreien, die von dem allgegenwärtigen Repressionsapparat und der anmaßenden Machtvollkommenheit der vollstreckenden Beamten aufrechterhalten wurden.

Hier der Bericht über das Leben einer Frau in der Braunschweiger Arbeiterklasse, die als Kind in der Besserungs- und Erziehungsanstalt Wilhelmstift auf das Leben „vorbereitet“ worden ist:

Ein Fallbeispiel

Unter den Schriftstücken der Herzoglichen Polizeidirektion findet sich auch die Personalakte einer Braunschweigerin, die sich gelegentlich aus wirtschaftlicher Not prostituierte und auch ab und zu mit Männern im „Concubinat“ zusammenlebte.1

Zwar weisen die Eintragungen über diese Frau, Emma Prigge, einige Lücken auf, doch läßt sich ihre Lebensgeschichte hinreichend rekonstruieren. Ihre Geschichte zeigt, wie schwierig es war, ein „Leben in Arbeit und Ehren“ zu führen, auch, wie dies durch die Nachstellungen der Polizei erschwert wurde.

Am 27. Mai 1864 kommt Emma Prigge unehelich zur Welt. Über ihren Vater erfahren wir nichts. Ihre Mutter, Carolina Prigge, lebt 1873 zusammen mit Emma bei dem Arbeiter Johann Meyer und dessen beiden Töchtern. Die Polizei wird das erste Mal auf Emma und ihre Zuhause aufmerksam, nachdem sich die Schule über das häufige Fehlen Emmas beklagt hatte. Mehrere Ermahnungen an ihre Mutter waren wirkungs-los geblieben, und so erscheint die Polizei, die schlimme Wohnungsverhältnisse feststellt, die für die Kinder nicht zumutbar seien. Die Aufnahme Emmas und ihrer Stiefschwestern in das städtische Pflegehaus wird beantragt:

„Mit Bezug auf mein heutiges Schreiben, die Kinder des Handarbeiters Johann Christian Wilhelm Gottlieb Meyer betr., beantrage ich dienster-gebenst, auch die 9 Jahre alte Emma Prigge, Tochter der unverehelichten Carolina Prigge, Zuhälterin des p. Meyer, welche beide, Mutter und Tochter mit p. Meyer in derselben Bretterbude hausen, einstweilen in das Städtische Pflegehaus aufzunehmen, da ihre Aufnahme in das Wilhelmstift von hier aus beantragt, ein längerer Aufenthalt des Kindes in jener Bretterbude aber unzulässig erscheinen muß.“

Die Aufnahme der Kinder in die Besserungs- und Erziehungsanstalt „Wilhelmstift“ in Bevern bei Holzminden hatte das Stadtgericht anzuordnen. Dort fand im November 1873 die Verhandlung statt. Zwar protestierten die Eltern „gegen die Aufnahme ihrer Kinder in das Wilhelmstift weil weder sie noch ihre Kinder Handlungen begangen, welche eine solche Strafe rechtfertigten“ doch wird die Einweisung verfügt.

Dass dies als Strafe empfunden wurde, hatte seinen Grund wohl nicht nur darin, daß auf Heimkindern ein Makel haftete, sondern sicher auch, weil Emmas Mutter dieses Haus kannte. Sie war im Wilhelmstift, nachdem sie schon im Alter von 2 ½  Jahren ins Armenhaus am Klint und später ins Armenpflegehaus vor dem Petritore gekommen war, weil sie nach dem Urteil der Behörden aufgrund ihrer Erziehung „verdorben“, „sittlich verwahrlost“, und ein „böses Beispiel“ für andere Kinder gewesen war.2 Nun war sie auch ein böses Beispiel für Emma – die Besserungs-anstalt hatte anscheinend nichts gebessert.

Die Hausordnung des Wilhelmstiftes gibt Auskunft über das Erziehungsziel, das darin bestand, „ diejenigen welche der Bettelei, dem Vagabundieren, dem Trinken, dem Müßiggange oder anderer Arten der Unsittlichkeit, in dem Maße sich ergeben haben, daß sie die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährden, an ein stetiges und arbeitsames Leben zu gewöhnen und zu einer ihren Kräften und ihrer Neigung zusagenden Beschäftigung anzulernen, und sie so sittlich zu bessern und in den Stand zu setzen, sich rechtlich zu ernähren.“3

Die Praxis in solchen Anstalten sah aber so aus, daß man den Kindern die Sittlichkeit einzuprügeln versuchte.

Emma verbringt über fünf Jahre in Bevern, bis ihr im Januar 1879 die Entlassung zu ihrer Konfirmation in Aussicht gestellt wird. Der Vorstand des Wilhelmstiftes beschreibt die nun Vierzehnjährige als ein „körperlich kräftiges entwickeltes Mädchen, zu jeder geistigen Beschäftigung unlustig, zu Handarbeiten jedoch fähig und geneigt.“

Nach ihrer Entlassung findet Emma zusammen mit ihrer Stiefschwester Henriette Meyer Aufnahme in der „Bildungsanstalt für weibliche Dienstboten“ am Ruhfäutchenplatz. Wie lange sie dort bleibt und wie es ihr ergeht, ist nicht überliefert, doch verläßt sie im Sommer 1881 Braunschweig. Sie hatte einen Mann kennengelernt, von dem sie ein Kind erwartet und ergreift, so scheint es, mit diesem mann, dem Arbeiter Wilhelm Glene, die Flucht. Sie sagt auch ihrer Mutter nichts, die sich im August dieses Jahres besorgt bei der Polizei nach dem Verbleib ihrer Tochter erkundigt.

Doch wenig später ist Emma, die wohl eingesehen hat, daß ihr die Flucht nichts bringt, wieder da. In ihrer Personalakte steht der Eintrag: „Sie ist schwanger und eine der Liederlichkeit und dem Müßiggange ergebene Person!“ – Die Polizei hatte sich ihr Bild gemacht.

Am 23. März 1882 kommt ihr Sohn Carl Wilhelm Eduard zur Welt. Ob sie in den nächsten Jahren bei der Mutter bleibt, ist aus der Akte nicht zu ersehen aber wahrscheinlich, denn erst im Frühjahr 1885 wird sie bestraft, weil sie mit dem Vater ihres Kindes Zusammenlebt, ohne mit ihm verheiratet zu sein.

In der Zwischenzeit wird es ihr nicht sehr gut gegangen sein, da sie mehrfach wegen gewerbsmäßiger Unzucht oder unzüchtigem Umhertreibens bestraft wird und auch einmal geschlechtskrank im Krankenhaus lag.

Im März 1886 folgt nach einer Verwarnung die nächste Strafe wegen Konkubinats (10 Mark oder 3 Tage Haft), worauf Emma und Glene auseinander ziehen. Im gleichen Jahr gibt es noch einige Strafen wegen unzüchtigen Umhertreibens und im August einen weiteren Krankenhausaufenthalt.

Irgendwann in den nächsten Jahren heiratet Emma den Arbeiter Wilhelm Glene, trennt sich aber 1899 wieder von ihm und lebt im Jahre 1890 zusammen mit dem Kutscher Beckmann in einem Haus am Meinhardshof, während ihr Sohn bei seiner Großmutter in Pflege ist.

Nach ihrem Einzug dauert es gerade zehn Tage, bis die Sittenpolizei in ihrer Wohnung auftaucht, die obligatorische Verwarnung wegen ihrer wilden Ehe ausspricht und sie auffordert, sich wieder zu trennen. Die beiden unterlassen dies und werden ein paar Tage später morgens in aller Frühe von dem Polizeisergeanten Bussenius im Bett überrascht. Im Protokoll heißt es:

„… ist am 17. Mai des Morgens, halb sechs Uhr die getrennt lebende Ehefrau des Arbeiters Wilhelm Glene, Emma, geb. Prigge, mit dem Kutscher Hermann Beckmann in dem Hause Meinhardshof 1 in einer Wohnung, und zwar in einem Bette liegend, betroffen.“

Die derart „Betroffenen“ werden auf das Polizeirevier gebracht und für 24 Stunden inhaftiert. Beckmann gibt an, er unterstütze Emma mit Geld, weil sie „nur periodisch“ arbeite.

Als sie im Oktober 1890 immer noch zusammen wohnen, stellt die Polizei ein Ultimatum: bis zum 1. November, es sind noch drei Tage, sollen sie getrennt Wohnungen bezogen haben, andernfalls werde man sie zwangsweise trennen. Sie kommen dieser Aufforderung nicht nach und bekommen eine neue Frist gesetzt, die sie wieder verstreichen lassen und wiederum für einen Tag eingesperrt werden. Am 25. November hat die Polizei ihr Ziel erreicht; Emma zieht aus der gemeinsamen Wohnung in den Nickelnkulk 46, Beckmann bekommt kurz darauf eine Wohnung in der Nachbarschaft, in Nummer 48.

Anfang 1891 folgen weitere Bestrafungen wegen Prostitution und schließlich im März die Unterstellung unter die Sittenkontrolle, gegen die Emma vergeblich Beschwerde einlegt. Während der drei nächsten Jahre läßt sich Emma nichts zu Schulden kommen. Irgendwann in dieser Zeit heiratet sie den Arbeiter Schinke. Im September allerdings wird sie wieder wegen gewerbsmäßiger Unzucht verurteilt und ins Kreisgefängnis eingeliefert.

Angesichts ihrer Vorstrafen hatte das Gericht diesmal auf Überweisung an die Landespolizeibehörde erkannt. Was die „corectionelle Nachhaft“ im Arbeitshaus in Wolfenbüttel bedeuten sollte. Am 2. September schreibt sie einen Brief an die Polizeidirektion und bittet darin, die verfügte Haftstrafe von sechs Wochen zu ermäßigen und die Überweisung an die Landespolizeibehörde noch einmal auszusetzen.

„Ich habe ein 12 Jahre altes Kind zu ernähren, welches sich augenblicklich bei meiner alten Mutter befindet, welche selbst Armengeld bekommt. Der Vater befindet sich im Gefängnis zu Wolfenbüttel. Außerdem lebe ich mit dem Mann den 9. October schon 5 Jahre getrennt und ich war in Noth und hatte für mein Kind nichts zu leben.

Ich bitte darum nochmals mir doch nicht so von mein Kind zu reißen welches ich mein Leben rechtlich ernährt habe und durch Trennung mit meinem Mann zu solchem Leben gekommen bin und bin jetzt im festen Entschluß wenn es möglich ist zu erwirken mir die Überweisung ab zunehmen Braunschweig zu verlaßen und in einer Stadt zu arbeiten den hier kent einen ein jeder und weiß auch jeder das ich unter Controle stehe. Wißen es nicht die Arbeits-Geber so kennt einen doch der eine oder andere Arbeiter oder Arbeiterin und ich muß mich schließlich dafür schämen. Darum erbiete ich mich Braunschweig zu verlaßen. Ich bitte nochmals mir die Überweisung ab zunehmen…“

Emmas Situation ist verzweifelt. Obwohl sie jahrelang straffrei geblieben ist, bekommt sie nun die Härte des Gesetzes zu spüren. Sie sorgt sich um ihr Kind und um ihre Mutter, die Not leiden müssen. Sicher leidet sie auch unter der Gering-schätzung ihrer Umgebung, die sie nicht mehr aushält, sodaß sie sich in einer anderen Stadt mehr Glück und vielleicht auch Arbeit verspricht.

Ihr Gesuch wird aufgrund der Stellungnahme Wachtmeister Diekmanns abgelehnt, der sie als eine „in religiös-sittlicher Beziehung vollkommen herabgesunkene Person“ bezeichnet. Sie sei „eines der verlogensten Frauenzimmer“ und habe „den meisten Verdienst für die Erhaltung ihrer Zuhälter“ verwandt. Sie muß sechs Monate Nachhaft verbüßen und wird Mitte April 1895 entlassen.

Ein Jahr später wird sie erneut wegen gewerbsmäßiger Unzucht inhaftiert.

Im November 1896 wendet sich der Restaurator Steffen an die Polizei und beschwert sich darüber, daß sich sein Sohn „mit der Schinke“ herumtreibe. Emma wird vernommen und versprocht, die Beziehung abzubrechen, obwohl weder ihr Prostitution noch Steffens Sohn Zuhälterei nachgewiesen werden kann.

Augenscheinlich war es für eine als „sittlich verwahrlost“ abgestempelte Frau, die zudem unter Sittenkontrolle stand, schwer, „normale“ Beziehungen zu Männern zu haben. Sie wurde immer der Prostitution verdächtigt und die Männer der Zuhälterei.

Im Oktober 1899 bittet Emma um einen Wandergewerbeschein, da sie beabsichtigt, mit Konditoreiwaren, Südfrüchten und Blumen zu handeln. Dies wird ihr mit Hinweis auf ihre Vorstrafen verweigert.

Doch bald hat sie Glück: sie kann im Mai 1900 in einer Konservenfabrik im Akkord arbeiten. Nun wird es für sie allerdings schwierig, die regelmäßigen Untersuchungstermine in der Bruchstraße wahrzunehmen, und sie bittet darum, nur alle vier Wochen beim Polizeiarzt erscheinen zu müssen.

Die Polizei erkundigt sich beim Arbeitgeber, der mitteilt, Emma habe keine Entlassung zu befürchten. Trotzdem wird ihr Gesuch abgelehnt – mit dem Bemerken, sie halte sich abends oft am Wendentor auf und sei daher verdächtig, noch der Prostitution nachzugehen.

Inzwischen war ihr zweiter Ehemann verstorben. Am 1. November 1900 heiratet sie den Händler Fritz Kindel. In diesem Jahr heiratet ihr Sohn und wird Vater; Emma ist jetzt, 37jährig, Großmutter.

Über die wirtschaftliche Lage des Ehepaares in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts ist nichts zu erfahren, doch ist anzunehmen, daß sie weiterhin arm waren.

Im August 1903 versucht Emma erneut, einen Gewerbeschein zu erhalten, da das Einkommen ihres Mannes nicht ausreicht. Zu diesem Antrag bemerkt die Polizei, daß sie seit ihrer Heirat einen „besseren Lebenswandel“ führt, lehnt die Ausstellung des Scheines aber ab, weil zu befürchten sei, daß „sie weiter Gewerbsunzucht betreiben will.“

Vier Jahre später wird ihr das Papier wiederum verwehrt, weil sie „in keinem guten Rufe“ steht. Emma bleibt aber hartnäckig und versucht es im Februar 1908 noch einmal. Die Stellungnahme des Polizeisergeanten Siems berücksichtigt nun immerhin, daß sie sich acht Jahre straffrei geführt habe; man legt ihr dennoch nahe, ihren Antrag zurückzuziehen. Als Randbemerkung findet sich in der Akte:

„Die Frau Kindel will ihren Antrag nicht zurückziehen. Bemerkt wird noch, daß die K. eifrige Anhängerin der Socialdemokratie ist, auch eifrig agitiert.“

Am 26. Februar wird ihr der Gewerbeschein ausgehändigt, der sie berechtigt, als Händlerin mit „Kurz-, Galanterie- und Konditorwaren, Ansichtskarten, Fischwaren, Würstchen, Land-, Garten-, Süd- und Waldfrüchten von Haus zu Haus, sowie mit Limonade auf Messen u. Märkten u. Volksfesten“ ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Der Argwohn der Polizei bleibt bestehen; ein Beamter vermerkt: „Ich werde den Betrieb streng überwachen lassen.“

Im Jahre 1911 gerät sie ein letztes Mal mit dem Gesetz in Konflikt; sie wird wegen verbotenen Glücksspiel zu einer Strafe von 5 Mark verurteilt. Im Juli des gleichen Jahres stellt sie einen Neuantrag auf einen Gewerbeschein und die Polizeidirektion sieht keinen Hinderungsgrund mehr:

„Gewohnheitsmäßige Arbeitsscheu ist trotz angestellter Ermittlungen nicht nachzuweisen, für ihre Familie hat sie bislang auch gesorgt.“

Trotz der vielen Steine, die ihr von der Polizei in den Weg gelegt worden waren, ist es Emma schließlich gelungen, „ehrbar“ zu werden. Doch ist dieses Leben armselig genug; die Geschäfte der Kindels gehen eher schlecht als recht, ihr einziger Sohn Karl, inzwischen Vater von drei Kindern kommt als Invalide aus dem ersten Weltkrieg zurück und findet keine Arbeit. Im Jahre 1920 schreibt die Polizeidirektion:

„Seit 1917 ist sie Echternstr. 41 wohnhaft und hat dort einen kleinen Laden, der nur 2 Mtr. lang und 1 ½ Mtr. breit ist. Nach den dort angestellten Ermittlungen ist die Geschäftslage dort nicht günstig und soll die Kindel in ihrem Laden nur einen geringen Absatz haben.“

Auch Emmas Ehemann, der einen Handel mit Kleinvieh und Fellen betreibt, verdient sehr wenig. In der Zeit der Wirtschaftskrise verschlechtert sich die Lage der Kindels noch mehr. Emma versucht den Handel mit Obst und Südfrüchten auf der Straße.

Im Jahre 1927 beziehen die Kindels Armenunterstützung. Emma will es nun mit dem Blumenverkauf probieren und stellt einen Antrag:

„Ich bitte hier mit die Polizeidirektion mir einen Platz zum Blumenverkauf am Rathaus zu kommen zu lassen. Ich werde am 27. 5. 63 Jahre alt und kann in keinem Betriebe mehr Arbeit bekommen. Ich lebe im so bedürftigen Verhältnis so das ich eben Armengeld beziehe, und möchte mir wenigstens die Sommermonate selbst ernähren und nicht auf Kosten der Stadt leben…“

Emmas und ihres Mannes wirtschaftliche Situation bleibt weiterhin kümmerlich. Sie stirbt im Jahre 1932, fast so arm, wie bei ihrer Geburt.

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1 alle nicht anders gekennzeichneten Quellen stammen aus der Personalakte Emma Prigge/Schinke/Kindel (133 Neu 2158)

2 126 Neu 2902 Acta prigge, Carolina Dorothea, Schulkind aus Braunschweig, Aufnahme in die Besserungsanstalt zu Bevern betr.

3 126 neu 2875 Hausordnung des Wilhelmstifts zu Bevern 1834

Quelle: Gülzow / W. Schnitzer: Die Bruchstrasse: Traditionsinsel im Abseits – Dokumente zur Prostitution in Braunschweig 1807-1927
1986 Verlag Michael Kuhle, Braunschweig, RGG-Druck, Braunschweig, ISBN 3-923696-11-6

Fazit:

Mit diesem Fallbeispiel greifen wir den Eingangssatz auf: Die Fürsorgetätigkeit der Herrschenden….

Mit der November-Revolution schaffte Braunschweigs Arbeiter*innenklasse die Voraussetzungen, diese unwürdigen Verhältnisse zu beseitigen. Sich und die Kinder der Arbeiterklasse endgültig zu befreien und damit der Willkür des allgegenwärtigen Repressionsapparates zu entreißen gelang nur teilweise. An die Besitzverhältnisse wurde nicht gerührt, das Militär nicht entmachtet. Die Revolution wartet auf ihre Vollendung.

Die Recherchen werden fortgesetzt, die Berichte vertieft.